Jeanne von Vietinghoff, die Mutter
Wer ist Egon ?

 

Conrad von Vietinghoff, der Vater

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Conrad von Vietinghoff, der Vater

Conrad von Vietinghoff (1902) Conrad Adalbert Egon von Vietinghoff
(Schreibweise auch Konrad bzw. Adelbert)

– Geboren: 29.12.1870 in Salisburg in Livland, heute Mazsalaca im Nord-Westen Lettlands (nach altem russischem Kalender am 17. Dezember geboren).
– Gestorben: 11.1.1957 in Zürich, Schweiz

Vorwort
Ein außergewöhnlicher Mensch mit unverwechselbaren Fähigkeiten, Schwächen und Neigungen in Zeiten allgemeinen Wertewandels. Anfangs noch verhaftet in einer festen, aber überholten Ordnung mit der Bürde von 15 Generationen dokumentierter Ahnen, löste er sich im Laufe des Lebens schrittweise von der Jahrhunderte langen, einengenden Tradition, die aus heutiger Sicht teils schwer nachzuvollziehen, teils sogar absurd ist.

Trotz Interesse am Weltgeschehen und eines überschaubaren Freundeskreises, lebte er nach dem Tod seiner Frau recht zurückgezogen. Ob und wie weit er seine gleichgeschlechtlichen Gefühle physisch auslebte, ist nicht nachzuweisen; vermutlich waren sie jedoch für die ganze Familie irritierend und sogar belastend. Den Sinn für eine stille und konsequente künstlerische Vorgehensweise, die er für seinen musikalischen Weg wählte, gab er seinem Sohn Egon weiter. Ebenso den damit einhergehenden Schatten einer mehr oder weniger starken gesellschaftlichen Absonderung und den teils freiwilligen Verzicht auf öffentliche Anerkennung.
 

Conrads Eltern

Arnold Julius v.Vietinghoff Helene v. Vietinghoff, geb. Transehe-Roseneck
























Baron Arnold Julius v. Vietinghoff v. Riesch
– Geboren: 18. 11. 1833 in Wolmar in Livland (Valmiera in Lettland)
– Gestorben: 29. 123. 1918 in Riga, Livland (Lettland)

Baronin Helene v. Vietinghoff, geb. Transehe-Roseneck
– Geboren: 29. 10.1837 in Alt-Schwaneburg, Livland
– Gestorben: 24. 7. 1923 in Neschwitz, Sachsen
 

Übersicht

Conrad von Vietinghoff, Unterschrift 1) Conrad und die Vietinghoffs
2) Conrad geht seinen eigenen Weg
3) Hommagen an Conrad (zum 70. und zum 80. Geburtstag)
4) Erinnerungen seines Arztes
5) Erinnerungen seiner Schwiegertochter Liane
6) Homo...
7) Conrad als Inspiration für die Romane von Marguerite Yourcenar
8) "Alexis oder der vergebliche Kampf"
9) "Der Fangschuss"
10) "Liebesläufe"
11) Weitere Bemerkungen und Berichtigungen
 

1 - Conrad und die Vietinghoffs

Familienwappen der Freiherren und Barone v.Vietinghoff (der Fuchs blickt zurück in die Heimat) Baron Conrad v.Vietinghoff entstammt einem urkundlich erstmals 1230 erwähnten Geschlecht des westfälischen Uradels. Im 14. Jh. verließen einige Vorfahren ihr Stammgebiet am Niederrhein um Essen (Nordrhein-Westfalen) und zogen als Ritter des Deutschen Ordens ins Baltikum, wo dieser über längere Zeit die entscheidende geistliche, politische und wirtschaftliche Macht war. Vietinghoffs sind auch als livländische Komture und Meister des Ordens bekannt. Weitere Familienmitglieder, die keine Ritter waren, wanderten ebenfalls dorthin aus. Viele tragen noch heute den Namenszusatz "Scheel" (vermutlich wegen eines schielenden Vorfahren). Vielverzweigt besaßen und verwalteten sie reichlich Ländereien.

Zeitweise (1346-1561) war das Land ein unabhängiger Ordensstaat und Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dann kam es unter polnische bzw. dänische, später unter schwedische und ab 1710 unter russische Hoheit. Einige wanderten im Laufe der Jahrhunderte vom Baltikum aus nach Skandinavien (hauptsächlich nach Schweden) sowie nach Polen aus und ins Innere Russlands oder wieder zurück in deutsche Gebiete im Süden und von dort aus teilweise auch nach Österreich.
 

Russische Gouvernements im Baltikum (19. Jh.), Estland (grün), Livland (rot), Kurland (gelb) Die direkten Vorfahren Conrad v.Vietinghoffs hingegen waren durchgehend im Baltikum ansässig, dessen Festland in die historischen Landschaften Kurland (gelb), Livland (rot) und Estland (grün) eingeteilt war. Die Ahnen Conrads lebten in Livland (lettisch: Vidzeme); das Elternhaus Schloss Salisburg liegt etwa 150 km nordöstlich der Hauptstadt Riga und etwa 80 km östlich der Küste des Rigaischen Meerbusens entfernt.

Bei der Gründung der Republiken Lettland und Estland (1918/1920) verschwand der Name von der Landkarte, denn Livland (rot) wurde geteilt. Dessen nördliches Drittel einschließlich der Insel Ösel (rot, heute Saaremaa) bilden zusammen mit dem ehemaligen russischen Gouvernement Estland (grün) das heutige freie Estland. Die südlichen 2/3 Livlands (rot) plus die ehemalige Region Kurland (gelb) bilden das heutige Lettland. Der schwarze Punkt zeigt die lettische Hauptstadt Riga, der weiße die ungefähre Lage von Salisburg (Mazsalaca) im Nordwesten Lettlands.

Die baltischen Vietinghoffs folgten der Reformation, während der niederrheinische, nicht ausgewanderte Stamm mit Namen v.Vittinghoff genannt Schell zu Schellenberg katholisch blieb. Stammsitz war Schloss Schellenberg (Essen-Rellinghausen). Dieser Stamm ist in der männlichen Linie erst 1993 erloschen.
 

Wappen von Mazsalaca (Salisburg)  Livländisches Wappen Vietinghoffs mit unterschiedlicher Namensschreibung waren zuerst im Dienste des Deutschen Ordens und danach im Staats- und Militärdienst der russischen Zaren, der deutschen und österreichischen Kaiser, der Könige von Dänemark, Schweden, Polen(-Litauen), Niederlande, Frankreich, Spanien, Württemberg, Sachsen und Preußen, der Herzöge von Kurland und Mecklenburg, der Fürsten von Braunschweig und Hannover sowie des Markgrafen von Bayreuth anzutreffen.

Sie haben europäische Geschichte mitgestaltet und mitgelitten. Vom Fähnrich bis zum General waren sie zusammen mit vielen anderen, oft verwandten deutsch-baltischen Geschlechtern während der vergangenen Jahrhunderte auf den Schlachtfeldern aller entscheidenden Kriege auf dem Kontinent – mehrfach sogar auf beiden Seiten verfeindeter Parteien gleichzeitig.
 

Wappenepitaph des Gerhart Johann v.Vietinghoff, Tallinn, Dom Mitglieder der Vietinghoffs verteidigten mehrfach das Abendland gegen die Türken, zogen gegen Wallenstein und Louis XIV zu Felde, wurden in der Französischen Revolution guillotiniert und 39 Namensträger haben mehrheitlich gegen, einige davon aber auch für Kaiser Napoleon I gekämpft. Einer, Otto Hermann, war "Gesundheitsminister" von Kaiserin Katharina der Großen von Russland. Friedrich der Große von Preußen hatte gleich zwei Generäle dieses Namens, Christian V von Dänemark, Karl XII von Schweden, Alexander I, II, III von Russland sowie weitere Preußenkönige und deutsche Kaiser hatten jeweils einen.

Ein Familienmitglied ging 1905 in der Seeschlacht bei Tsushima gegen die Japaner als russischer Schiffskommandant unter und eines war kaiserlich osmanischer Major in Konstantinopel. Ein anderer Vietinghoff unterzeichnete 1945 als Generaloberst auf eigene Initiative die deutsche Kapitulation in Italien schon eine Woche vor der bedingungslosen Kapitulation aller Truppen, wohl auch um eine mögliche Bombardierung Roms zu verhindern, während auf Seiten der USA ein weiterer Vietinghoff, Sohn einer amerikanischen Mutter, zwecks Übersetzung gegenüberstand.
 

Jean-Antoine Houdon, Baron Otto Hermann v. Vietinghoff (1791), Bode-Museum Berlin Viele andere waren Richter, Land-, Geheim- und Staatsräte oder Kammerherrn und im westfälisch-katholischen Stamm der v.Vittinghoff auch Domherren und Ritter des Malteser-Ordens.

Als Gutsbesitzer und Abgeordnete waren sie verantwortlich für Land- und Forstwirtschaft sowie für Infrastruktur und soziale Belange ganzer Regionen und natürlich für die Bewirtschaftung ihrer Güter.


Besonders eindrucksvoll ist besagter Otto Hermann von Vietinghoff (1722-1792). Er begann als russischer Offizier und wurde schließlich Direktor des medizinischen Kollegiums, was der Position eines russischen Gesundheitsministers gleichkam. Da ihm außerdem mehrere Fabriken und zeitweise 30 Rittergüter gehörten, wurde er (inoffiziell) Halbkönig von Livland genannt. Er stiftete der Stadt Riga aus eigener Tasche das erste Theater der Stadt, das lange zu den besten deutschsprachigen Bühnen zählte, und unterhielt dort auch ein Orchester.
(heute Richard Wagner-Straße 4, siehe www.wagnersaal.com).

Seine Marmorbüste von dem damals bedeutendsten Porträtbildhauer Europas, Jean-Antoine Houdon (1741-1828) steht heute im Bode-Museum zu Berlin. Dieser Künstler schuf auch Bildnisse von Gluck, Molière, Rousseau, Voltaire, Diderot, Washington, Franklin, Jefferson, Napoleon und Katharina d.Gr. Otto Hermann ist jedoch kein direkter Vorfahre von Conrad und Egon von Vietinghoff.
 

Angelika Kaufmann, Juliane von Krüdener mit Sohn (1786), Louvre, Paris Nicht zu vergessen, ist eine von Otto Hermanns Töchtern,
die Baronin Juliane von Krüdener (1764-1824):
Schriftstellerin, "Vertraute" des Zaren und dessen Gesandte am Wiener Kongress, Mutter der Heiligen Allianz gegen Napoleon, das Sonnenweib gegen den Antichristen.

Sie war ein paar Jahre mit dem Schriftsteller Jean Paul befreundet; außerdem löste die exzentrische Dame mit ihrem Roman Valérie in Europa eine Modewelle aus. Ihr im Jahre 1786 von der berühmten Angelika Kauffmann (1741-1807) geschaffenes Porträt hängt im Louvre.

Später führte sie in Basel und im Württembergischen eigenhändig Speisungen für die infolge der Napoleonischen Kriege Verarmten durch und bewegte die Volksmassen auch im Kanton Aargau so sehr durch mystisch-pietistische Reden bis sie da wie dort als zu subversiv ausgewiesen wurde. Später fiel sie beim Zaren in Ungnade und starb verarmt und zurückgezogen auf der Krim.
 

Salisburg, 1840, Perlenstickerei Über stillere Charaktere gibt es naturgemäß kaum Aufzeichnungen. Dennoch sind ein Vietinghoff als Student Martin Luthers in Wittenberg, viele Stifts- und Hofdamen sowie mehrere Äbtissinnen bekannt. Eine andere Tochter Otto Hermanns, Annette Margarethe von Vietinghoff, heiratete Johann Georg von Browne-Camus (1767-1827), den ersten Mäzen Ludwig van Beethovens in Wien. Der Komponist widmete den beiden mehrere Lieder, Streichtrios sowie Klaviersonaten und gab ihr Klavierunterricht. Außerdem ist Boris von Vietinghoff (Boris Fitinhof-Schell, 1829-1901) als Komponist der russischen Romantik zu nennen.


Die schwedische Schriftstellerin, Rosa Fitinghoff (1872-1949), inspirierte Henrik Ibsen (1828-1906) als seine letzte Geliebte zu seinem letzten Werk Wenn wir Toten erwachen (1899). In Schweden, Russland und in den USA leben noch heute Familienmitglieder mit dieser angepassten Schreibweise des Namens.

Alle erwähnten Namensträger sind keine direkten Vorfahren von Conrad und Egon von Vietinghoff.

Seit dem 20. Jh. haben die Nachkommen aller Stämme und Linien vielfältige moderne Berufe in allen Bereichen der Gesellschaft und leben in vielen Ländern Europas sowie in Übersee, teilweise auch mit deren Staatsangehörigkeit.
 

2 - Conrad geht seinen eigenen Weg

Salisburg, um 1900? Von der traditionsreichen, aus heutiger Sicht teilweise etwas absurden Familiengeschichte, an der zwar viel Glanz und Ehre aber auch viel Verantwortung und Leid anhaften, wendet sich der äußerst sensible Conrad v.Vietinghoff ab, jüngster von vier Brüdern, um seine einmalige musikalische Begabung zu kultivieren.

Er liest lieber das Neue Testament im Original auf Griechisch oder die Partituren der Symphonien von Beethoven und Brahms oder noch besser: er spielt sie mit seinen Cousinen achthändig auf den zwei Flügeln im elterlichen Schloss Salisburg! Denn die Konzertsäle in Riga und Reval (heute Tallinn, die Hauptstadt Estlands) sind weit weg und mit dem Pferdewagen schwer erreichbar – CD- und MP3-Player sind 1888 noch lange nicht erfunden...

Schloss Salisburg kam über die mütterliche Linie (v.Völkersahm) in Vietinghoffschen Familienbesitz, hatte 62 Zimmer, wurde in der Revolution von 1905/1906 angezündet und war 25 Jahre lang eine Ruine. Nach der Renovierung von 1932 beherbergte es das Gymnasium. Lettische Einwohner bewahrten es 1944 vor der Sprengung durch die Deutsche Wehrmacht auf deren Rückzug. Seit 1977 befindet sich darin die Grundschule. Der Ort heißt lettisch Mazsalaca (mehr Infos dazu auf Wikipedia unter "Salisburg" oder "Mazsalaca").
 

Conrad v. Vietinghoff Conrad von Vietinghoff Conrad beginnt ein Landwirtschafts- und Ökonomie-Studium in Dorpat (Tartu, heute Estland) und verlässt 1891 seine Heimat, um in Leipzig zu studieren.

Parallel dazu nimmt er Klavierunterricht und zieht des bekannten Musikpädagogen Oscar Raif wegen nach Berlin, wo er zum Studium der Musikgeschichte wechselt (1893-1899).



Später sucht er in Rom einen Pianisten auf, um sein Spiel zu verbessern.
 

Conrad und Jeanne von Vietinghoff Indem er in Den Haag 1902 Jeanne Bricou belgisch-holländischer Herkunft heiratet, bricht er aus der strengen Tradition seiner Familie und seiner Gesellschaft aus: obgleich ihre Mutter aus dem angesehenen Patriziergeschlecht Storm de Grave stammt, ist es die erste bürgerliche Heirat seit 16 Generationen seiner direkten Vorfahren sowohl väterlicher als auch mütterlicherseits!

Im deutsch-baltischen Adel herrschte das ungeschriebene Gesetz, dass eine Ehe nur dann als standesgemäß galt, wenn auch alle vorangegangenen Generationen beider Ehepartner schon standesgemäß geheiratet hatten. Für Conrad bedeutete dies, im Baltikum eine etwa gleichaltrige Baronesse zu finden, deren Vorfahren ebenfalls 15 Generationen lang diese Erwartung erfüllt hatten.
 

Rue Cernuschi 14, Paris, XVII. Arrondissement Pau (Pablo) Casals Conrad und Jeanne sind fortschrittlich und pragmatisch: sie vereinbaren eine Gütertrennung und beziehen eine Neubau-Etagen-Wohnung in Paris, in der Rue Cernuschi 14 im XVII. Arrondissement.













Hier beginnt auch die von hoher gegenseitiger Wertschätzung gezeichnete Freundschaft mit dem auf den Tag genau sechs Jahre jüngeren Cellisten Pablo Casals.
 

Conrads Salon-Flügel (Blüthner, Leipzig) Conrad besaß einen Salonflügel, gebaut im selben Jahr, in dem er heiratete (1902). War er ein Hochzeitsgeschenk seiner Eltern und seiner Brüder? Es war ein Instrument der 1853 gegründeten Firma Blüthner, die um 1900 der größte deutsche Produzent aller Arten von Klavieren war, auch mit Werkstätten und Vertrieb im Ausland. Nach schweren Verlusten und Rückschlägen in Folge des Ersten Weltkriegs, dann 1943 durch die völlige Zerstörung des Leipziger Hauptsitzes in britischem Bombardement und nach der Verstaatlichung in der DDR, ist Blüthner seit 1990 wieder international tätig, sind die Instrumente überall gefragt. Flügel wurden an die Höfe Russlands, Deutschlands, Österreichs und Dänemarks geliefert.
 

Saiten von Conrads Blüthner Flügel Die Komponisten Wagner, Tschaikowski, Brahms, J. Strauss jun., Mahler, Reger, Debussy, Rachmaninoff, Schostakowitsch, Bartok und Orff besaßen ebenso einen Blüthner wie die Solisten Busoni, Rubinstein, Kempff und Arrau.

Nach 150 Jahren des Firmenbestehens (2003) waren mehr als 150.000 Instrumente gebaut worden. 1873 erfand Julius Blüthner den Aliquot-Flügel, der im oberen Mittelbereich eine 4. Saite pro Taste aufweist, welche im Oberton mitschwingt und dadurch den Klang reicher, farbiger und transparenter macht, besonders bei leisen Tönen. Das kam Conrads sensibler Musikinterpretation und seinem auffallend weichen Anschlag sehr entgegen.
 

Salisburg, 2005 (Mazsalacas Vidusskola) 1904 überträgt Vater Arnold Julius von Vietinghoff (1833-1918) seinen vier Söhnen den Besitz gegen Zusicherung einer Leibrente. Der älteste erbt Schloss und Besitz Neschwitz in Sachsen, der zweite das Elternhaus Salisburg, der dritte heiratet auf Schloss Marienburg (heute Aluksne in Lettland) in einen anderen livländischen Stamm der Vietinghoffs, denjenigen des erwähnten Otto Hermann. Letztere trug als geborene und in erster Ehe verwitwete Vietinghoff somit dreimal diesen Namen.

Zu seinem Glück bekommt Conrad sein Erbteil ausgezahlt, denn der Familiensitz Salisburg (zu Zeiten seines Großvaters mit einem Besitz von 26.000 ha Land) wird in der Russischen Revolution von 1905 zusammen mit rund 100 anderen Herrenhäusern verwüstet und bleibt 20 Jahre eine abgebrannte Ruine bevor es als Schule renoviert wird. Der allergrößte Teil des Besitzes wird in den folgenden Jahren enteignet. Bis 1945 haben alle seine Brüder und Neffen ihre Güter verloren.
 

Conrad und Jeanne mit Freunden, 1902 Bis zum frühen Tod seiner Frau Jeanne (1926) nimmt Conrad von Vietinghoff auf seinen Stationen Paris, Wiesbaden, Genf und Zürich mit ihr am illustren Gesellschaftsleben von Adel sowie von gehobenem Bürgertum, künstlerischen Stars und deren Mäzene teil.

Von 1906 bis 1913 lebt er in Wiesbaden, wo er die Freundschaft mit dem jungen Komponisten und Dirigenten Carl Schuricht pflegt.

Conrad hat höchste Ansprüche an sich selbst; in unermüdlicher Selbstschulung verbessert er seine Technik und vertieft sein Spiel.
 

Conrad von Vietinghoff Nachweislich tritt er nur zweimal bei Wohltätigkeitskonzerten auf, 1910 auf Schloss Neuwied (Deutschland) und 1923 in Fribourg (Schweiz), gibt jedoch gelegentlich Hauskonzerte bei sich oder Freunden, solistisch oder als Begleiter von Sängern, Violinisten oder Cellisten. Alleine spielt er vor allem Bach sowie romantische und zeitgenössische Werke, besonders gerne die von Reger und Skrjabin. Conrad von Vietinghoff stellt enorme Ansprüche an sich selbst, ist wenig belastbar und viel zu schüchtern, um öffentlich aufzutreten.

Noch einmal zieht ihn sein vorausahnendes Sensorium rechtzeitig in ein sichereres Land: 1913 siedelt er mit Frau und Kindern in die Schweiz nach Genf um. Als mehrsprachiger Idealist hilft er dort im Ersten Weltkrieg beim Roten Kreuz und muss – als vergeistigter Wandler zwischen den Welten nicht einzuordnen – ein Verfahren wegen eines ebenso grotesken wie hässlichen Spionageverdachts durchstehen: es hatte damals genügt, freiwillig die für internierte Deutsche ankommende Post zu bearbeiten – eine Nachbarin hatte ihn bei der Polizei angeschwärzt.
 

Conrad von Vietinghoff am Flügel Ganz ohne sein Wissen wird er zur Inspirationsquelle im literarischen Werk von Marguerite Yourcenar, besonders für ihren Erstlingsroman "Alexis oder der vergebliche Kampf" (1929, dt. 1956). Die Eltern der später berühmten belgisch-amerikanischen Schriftstellerin waren Freunde von Jeanne und Conrad.

Die 30 Jahre nach dem frühen Tod seiner Frau, Jeanne de Vietinghoff, lebt Conrad alleine, recht menschenscheu, beinahe asketisch in kleinen Wohnungen – versunken in Philosophie, Literatur und in der Welt der Töne. Er ist ein Idealist, Humanist, Pazifist, Vegetarier, strikter Gegner von Tierversuchen, von naiver Menschenkenntnis, rührend hilfsbereit, doch im Alltäglichen selbst etwas hilflos.
 
     
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