Vorwort zu "Vision und Darstellung"

© Egon von Vietinghoff-Stiftung

 

Gespräche über Kunst gehen meistens in Diskussionen über, die zu keiner Einigung führen und deshalb mit der unverbindlichen Kapitulation "de gustibus non est disputandum" [„Über Geschmack lässt sich (nicht) streiten“] aufgegeben werden. Dem subjektiven Geschmack wird dadurch ein Tribut gezollt, der ihm nicht zukommt, denn nicht die Verschiedenheit der Geschmacksrichtungen, sondern die unterschiedlichen Erwartungen, die an das Kunstwerk gestellt werden, hindern die Diskussionspartner sich zu einigen. Wenn z. B. bei der Betrachtung eines Bildnisses ein Gesprächspartner die Ähnlichkeit mit dem Porträtierten, ein anderer die künstlerische Leistung, ein dritter die maltechnische Virtuosität des Künstlers meint, ist es kein Wunder, dass ihre Urteile auseinander gehen.

An den verworrenen und widersprüchlichen Ansichten über den Mitteilungsgehalt der Kunstwerke ist auch die Vieldeutigkeit der Kunstbegriffe schuld. Ihre Verschwommenheit hat zu einem Begriffschaos geführt, das jedes Kunstgespräch unweigerlich zu einem Turmbau von Babel macht. Selbst die einfachsten Begriffe sind vieldeutig: Man spricht von einem schönen Gemälde, wie von einer schönen Autokarosserie, von einem schönen Perserteppich oder von einer schönen Frau; der Hundezüchter nennt seinen Rüden schön und der Bauer sein Getreidefeld. Jeder dieser Begriffe 'schön' ist aber wesensverschieden. Beim Gemälde bezeichnet er den gelungenen künstlerischen Ausdruck, bei der Karosserie technische Zweckmäßigkeit und modernes Design, beim Teppich die geschmacklich ansprechende Ornamentierung, bei der Frau die Gefühle ihres Bewunderers, beim Hund die Rassenmerkmale, beim Getreidefeld die Aussicht auf reiche Ernte und Gewinn.

Sichtbar wird die Vieldeutigkeit der Begriffe erst, wenn  verschiedene Auslegungen des gleichen Wortes aufeinanderstoßen. Der Bauer wird verständnislos den Kopf schütteln, wenn ein Künstler sein Stoppelfeld malt, denn die Schönheit des Feldes wurde nach seinem Begriff abgemäht. Ebensowenig wird ein geschmacklich Urteilender die künstlerische Schönheit aufgeschlitzter Ochsen Rembrandts erfassen oder ein Unbeteiligter die Begeisterung für eine angebetete Schönheit nachfühlen können.

Zu welchen Ungereimtheiten die Verwahrlosung der künstlerischen Begriffswelt führen kann, zeigte schon in den Zwanziger Jahren die Zeitschrift 'L'esprit Nouveau', die die Frage aufwarf, ob die Kunstwerke des Louvre zerstört werden sollten: 'Faut-il brûler le Louvre?'. Sie konnte nur gestellt werden, weil der Schönheitssinn des 'esprit nouveau' durch englische Pfeifen und Autokarosserien besser befriedigt wurde, als durch Werke der Kunst, weil also die künstlerische Bedeutung des Wortes ,schön‘ mit einer utilitaristischen ausgewechselt wurde.

Die Vieldeutigkeit der Kunstbegriffe behindert nicht nur eine richtige Beurteilung der Kunstwerke und versperrt die Möglichkeit sich zu verständigen, sie bringt auch Unsicherheit in das natürliche Kunstempfinden. Diese Unsicherheit hat so um sich gegriffen, dass unzählige Sekten entstanden, welche die Begriffe der Kunst usurpatorisch weiter verwendeten, obwohl sie ihnen vollständig entfremdet waren.

Fragen wir, worin die Widersprüchlichkeit besteht, in die jede Erörterung über Kunst zwangsläufig verfällt, so finden wir, dass sie hauptsächlich auf drei grundlegende Irrtümer zurückgeführt werden kann:

  1. Visionäre und angewandte Kunst werden, trotz ihrer Wesensverschiedenheit, gleichgesetzt.

  2. Von den bildenden Künsten wird eine ästhetische, psychische, geschichtliche, dialektische oder intellektuelle Aussage erwartet.

  3. Die Wiedergabe der realen Erscheinungswelt oder ihre Nichtbeachtung wird zum künstlerischen Kriterium gemacht.

Im Folgenden wird versucht, die in Unordnung geratenen Kunstbegriffe zu klären und sich auf das Wesen des Phänomens Kunst zurückzubesinnen.

 

© Egon von Vietinghoff-Stiftung