4.6 Mangelndes Darstellungsvermögen
© Egon von Vietinghoff-Stiftung
Die räumliche und farbliche Übertragung des Phantasiebildes oder der optischen Wahrnehmung mit den angemessenen Ausdrucksmitteln bietet Schwierigkeiten, die der unerfahrene Künstler nur schwer meistert. Sie führen zu Mängeln der Darstellung und beeinträchtigen unbeabsichtigt die Naturähnlichkeit der dargestellten Gegenstände.
Wenn steinzeitliche Künstler die inneren Organe der Tiere mitzeichnen, tun sie es, weil ihre Vorstellung mit gedanklichen Einschlägen vermischt ist. Wenn sie sich aber wie einige Höhlenzeichner von Lascaux mit den Hinterbeinen eines Tieres herumschlagen, diese erst nebeneinander aus dem Bauch, dann im rechten Winkel zueinander aus dem Hinterteil wachsen lassen, so zeugen solche Korrekturen von der Unerfahrenheit des Künstlers, Gesehenes darzustellen. Wie einige Höhlenmalereien der Dordogne zeigen, fiel es diesen Künstlern vor allem schwer, die Größenverhältnisse des bemalten Raumes abzuschätzen, was sie zu unbeabsichtigten Überschneidungen und Unterbrechungen zwang. Die Konturen der einzelnen Tiere sind sehr bestimmt und ausdrucksvoll. Das setzt eine klare Vision voraus, aber auf einer dieser Malereien begann der Künstler eine Pferdezeichnung mit dem Kopf des Tieres und schätzte den noch verbleibenden Abstand falsch ein, so dass er den hinteren Teil des Pferdes in den schon vorhandenen Leib eines Bisons einritzen musste. Der Erfolg war ein unübersichtliches Liniengewirr. Auf einem anderen Bild derselben Höhle musste der Leib eines Stieres jäh abgebrochen werden, um die verwirrende Überschneidung mit einem anderen Tier zu vermeiden. Dies sind selbst dann eindeutige Anzeichen für ein ungeübtes Auge, falls es sich bei den Überschneidungen um missglückte Versuche handeln sollte hintereinander stehende Tiere darzustellen. Die Ungeschicklichkeit solcher Zeichnungen kontrastiert mit anderen Tierdarstellungen, in denen die Meisterhand zu spüren ist. Die Höhlenbilder von Lascaux zeigen übrigens mit aller Deutlichkeit, dass ihre Urheber eine naturähnliche Darstellung erstrebten und ihnen diese nur aus Unkenntnis der Übertragungstechnik nicht immer gelang. Sie beweisen aber auch, dass mit primitivsten Ausdrucksmitteln vollwertige Kunstwerke geschaffen werden können. Die einfarbige aber sehr differenzierte Kontur und stellenweise eine leichte Tönung mit Farbstoffen genügte diesen Künstlern ihr Phantasiebild darzustellen.
Jedoch nicht immer gelingt ihnen dies und Kindern geht es nicht anders. Sie beginnen ihre Zeichnung mit der sie am meisten interessierenden Einzelheit, dem Kopf, in der Mitte des Papiers und merken erst im weiteren Verlauf ihres Zeichenversuchs, dass für den Rumpf zu wenig und für die Beine noch weniger Platz bleibt, So fallen diese meist zu kurz aus. Das Missverhältnis, das durch den kindlichen Hang, Köpfe zu vergrößern und Beine zu verkürzen, ohnehin besteht, wird dadurch noch verstärkt. Einen extremen Fall mangelnder räumlicher Voraussicht zeigte ein Kind, das Schnabel und Kopf eines Storches so groß begann, dass es den Rand des Papiers schon mit der Mitte des Vogels erreicht hatte und ihm nichts anderes übrig blieb, als das Blatt umzudrehen und den Storchenkörper auf der Rückseite zu beenden. Dann merkte es aber, dass die Beine auch hier keinen Platz mehr hatten und nochmals um den Rand des Papiers gelegt werden mussten, wo sie sich mit dem von oben kommenden Schnabel verhedderten.
Während die steinzeitlichen Künstler den Strich als Kontur oft meisterhaft zu führen wussten, legten sie die größte Unerfahrenheit an den Tag, wenn sie ihn schraffierend verwendeten. In den Grotten von Altamira und an Felszeichnungen Norwegens können einige zaghafte Versuche beobachtet werden, einzelne Tierteile schraffierend zu formen. Die Lage und die Richtung der Striche ist aber – im Gegensatz zur Kontur – unsicher und verfehlt.
Mangelnde Kenntnis der Kontrastgesetze und der zur Verfügung stehenden Werkstoffe bezeugt van Gogh, wenn er die Leuchtkraft der Sonne darzustellen sucht indem er immer grelleres Orange in immer dickeren Schichten aufträgt. Und wenn Marées sich abmüht seine ständig nachdunkelnden Körper mit immer neuen Farblagen aufzuhellen, zeigt er, dass seine maltechnischen Kenntnisse nicht genügten, um die erstrebte Wirkung zu erzielen.
© Egon von Vietinghoff-Stiftung