4.5 Nichtvisuelle Vorstellungen

© Egon von Vietinghoff-Stiftung

Jede Vorstellung, die nicht rein visuell ist, behindert sowohl die Darstellung des Phantasiebildes, wie auch die Wiedergabe der realen Erscheinung. Die vordringlichste Aufgabe des bildenden Künstlers ist es deshalb, nur das Erschaute darzustellen und Kenntnisse aus anderen Erfahrungsbereichen auszuschließen. Das kann durch eine Disziplin des Sehens erreicht werden, die im Kapitel über "Die rein visuelle Anschauung" beschrieben wird.

Die Vorstellungen des Künstlers, der sich dieser Disziplin nicht unterzog, sind nur selten rein visuell, meistens sind sie, wie die primitiven Vorstellungen des Kindes, mit gedanklichen Vorstellungen untermischt. Das Kind zeichnet was es denkt, nicht was es sieht. Es stellt das Gesicht als Kreis dar, weil es an seine Rundheit denkt, die Haare werden zu senkrecht auf dem Kreise stehenden Strichen, weil es weiß, dass sie senkrecht aus der Kopfhaut wachsen. Auch die Sonne wird durch einen Kreis gekennzeichnet und mit den gleichen Strichen "be-dacht" wie das Kreisgesicht. Jetzt bedeuten sie Sonnenstrahlen. Nicht anders verfährt der Ägypter, wenn er die Vorderansicht des Auges in Gesichtsprofile zeichnet. Er weiß, dass das Auge eine elliptische Form hat und wendet diese Kenntnis auch da an, wo sie unangebracht ist.

Obwohl die Schattenseite einer Kugel und ihr Schlagschatten bei geeigneter Beleuchtung ineinander übergehen, also keine Abgrenzung der Kugel zum Schlagschatten mehr erkennbar ist, zeichnet jeder Anfänger sie deutlich ein. Er weiß, dass die Kugel ringsum begrenzt ist und produziert diese Kenntnis an Stelle seiner Anschauung.

Auf die gleiche Art geht der steinzeitliche Künstler, der die inneren Organe der Tiere auf ihrem Fell einzeichnet und geht das Kind zu Werke, wenn es die im Bauche befindliche oder den Schlund herabfallende Nahrung eines essenden Mannes darstellt. Beide zeichnen, was sie wissen und nicht, was sie mit dem inneren oder mit dem physischen Auge sehen. Ihre Vorstellung ist nicht visuell, sondern gedanklich entstanden.

Der Einschlag nichtvisueller Vorstellungen bewirkt immer wiederkehrende Verschiebungen der Größenverhältnisse. Gemeint sind hier nicht vorgeschriebene Veränderungen z.B. sakraler Bilder, auf denen die Gönner kleiner als die Heiligen erscheinen sollen (Bedeutungsgröße), sondern die unbeabsichtigten Verformungen.

Das Kind stellt die Dinge in der Größenordnung dar, die sie ihrer Wichtigkeit nach in seinem Bewusstsein einnehmen. In Landschaften übertreibt es die Größe der Häuser, der Schornsteine und des ihnen entweichenden Rauches. Ebenso werden Wege in den Bergen, Tiere und Blumen auf der Wiese, Schiffe im Meer, Sonne und Mondsichel am Himmel überdimensioniert. Der menschliche Kopf wird im Verhältnis zum Rumpf vergrößert, die Beine fallen zu kurz, die Arme und Finger zu lang aus. Das Gesicht wird auf Kosten des Schädels vergrößert, so dass die Haare bei den Brauen ansetzen und das Ohr in Profilen an der Wange klebt. Der Hinterkopf fehlt meistens ganz und der Hals ist so dünn wie ein Finger. Diese Merkmale kindlicher Zeichnungen sind konstant. Die gleichen Fehler werden, wenn auch in abgeschwächtem Maße, von erwachsenen Anfängern gemacht und sind in vielen primitiven Werken wiederzufinden.

Den Beweis, dass diese Abweichungen vom Naturbild unbeabsichtigt sind und die visuelle Vorstellung ihrer Urheber fälschen, liefert die Freude, welche Kinder bekunden, wenn ihre Zeichnungen korrigiert und z.B. die fehlenden Hinterköpfe an ihre Profile gezeichnet oder die Ohren nach hinten verlegt werden. Die Kinder bezeugen dann regelmäßig ihre Befriedigung über die korrigierte Zeichnung, weil sie ihrer Absicht jetzt besser entspricht. Wäre die ursprüngliche Zeichnung der adäquate Ausdruck ihrer Vorstellung, so müssten sie in der Korrektur einen Eingriff sehen, der ihr Bild schädigt. Ebenso bestätigt der Zeichenschüler, es habe zum Gelingen seiner Zeichnung beigetragen, die Köpfe zu verkleinern und die Beine zu verlängern. Er beweist damit, dass er die Erscheinung wohl richtig sah, sie aber nicht wiederzugeben vermochte. Daran wurde er durch das Bewusstsein behindert, der Kopf sei der wichtigste Teil des menschlichen Körpers, oder das Gesicht charakterisiere einen Menschen besser, als sein Hinterkopf, usw. Erst wenn der Zeichenschüler gelernt hat das Wissen und Denken über die Dinge abzulegen, kann er aus der reinen Anschauung heraus gestalten und wird dann das Geschaute in den richtigen Größenverhältnissen darstellen.

Das Gleiche gilt für die Farbgebung. Solange der Maler eine rote oder eine helle Farbe aufträgt, weil er weiß, dass der darzustellende Gegenstand rot oder hell ist, werden seine Farbintervalle verschoben, seine Farbgebung gefälscht erscheinen. Die Kenntnis, die er von den Dingen hat, hindert ihn sie visuell zu erfassen. Schaltet er diese Kenntnis aus, was nur durch lange disziplinierte Übung erreicht wird, dann erkennt er die richtigen Farben und kann sie bei ausreichenden handwerklichen Kenntnisse spielend und richtig einsetzen.

Die obgenannten Verschiebungen der Größenverhältnisse in kindlichen Menschendarstellungen sind so konstant, dass sie als Kennzeichen für primitive Darstellung überhaupt angesehen werden können. Zu große Köpfe und Gesichter, zu lange Arme und Finger, zu kurze Beine weisen fast alle vor- und frühhethitischen, sumerischen, aztekischen und afrikanischen, manche babylonische und frühchristliche sowie einige ägyptische und indische Kunstwerke auf, ebenso manche Frühwerke großer Meister. Die vorhethitischen Bronze-Männchen (2. Jahrtausend v.Chr.) haben überdimensionierte Gesichter und sehr kurze Beine. Alle späthethitischen Reliefs von Karatepe (8. Jh. v.Chr.) zeigen zu große Köpfe, stark überdimensionierte Gesichter und Nasen, keine Hinterköpfe und sehr kurze Beine. Bemerkenswerterweise zeigen dagegen die künstlerisch wertvolleren hethitischen Werke des 13. Jh. v.Chr. nur geringe oder gar keine Größenverschiebungen (z.B. der Götterzug im Felsentempel von Yazilikaya bei Boghazköy oder König Tushaliyas mit Gottheit daselbst. Als sumerisches Beispiel für die selben Merkmale kennen wir die Mosaikstandarte von Ur, aus dem Frühmittelalter viele der unbeholfenen Steinfiguren an Kirchenportalen, ferner fast die gesamten Plastiken Afrikas.

© Egon von Vietinghoff-Stiftung

Inhaltsverzeichnis