4.4 Schema und Symbol

© Egon von Vietinghoff-Stiftung

Neben dekorativ bedingter Vereinfachung und Stilisierung der Formen führt ihre schematische Behandlung am häufigsten zu einer Darstellung des Gegenstandes, die von seinem natürlichen Aussehen abweicht. Statt auf die besonderen, jedem Gegenstand eigentümlichen Formen einzugehen und sie unmittelbar nachzuempfinden, statt für jeden Einzelfall einen neuen Ausdruck zu finden und ihn neu zu gestalten, werden feststehende Schablonen verwendet, die ungefähr an die darzustellenden Dinge erinnern. Der Gebrauch solcher stereotypen Formschemata ist sehr bequem, weil weder die Vorstellungsgabe, noch die Naturbetrachtung angestrengt werden müssen. So steht ihrer serienweisen Anwendung nichts im Wege.

Wenn Kinder ihre Männchen und Häuschen in hundertfacher Auflage hinkritzeln, oder wenn zeichenwütige Backfische jedes Papier, das in ihre Hände fällt, mit den gleichen ovalgesichtigen, großäugigen und belockten Modepuppen ausfüllen, wenden sie solche Schemata an, die sie geistiger Anstrengung entbindet. Die kindliche Formel für die menschliche Gestalt ist ein kleiner über einem großen Kreis, aus dem zwei Striche nach oben und zwei nach unten ragen. Zwei Punkte für die Augen, ein Bogen für den Mund und etliche Strichelchen für Haare und Finger vervollständigen das Stenogramm.

Da Naturbeobachtung und Phantasie dabei gänzlich unbeteiligt sind, wird die Naturähnlichkeit auf ein Mindestmaß reduziert. Durch ständigen Gebrauch nützen sich die Formen zudem oft bis zur Unkenntlichkeit ab. Es entstehen Formrudimente, die für den, der ihre fortschreitende Versimpelung nicht mitmachte, unverständlich bleiben.

So begnügten sich schon in vorgeschichtlicher Zeit südspanische Felsenmaler damit, die menschliche Gestalt durch einen langen Strich darzustellen, aus dem oben und unten je zwei kürzere abzweigten. Andere Stämme bedeckten die Felswände mit der gleichen Strichmenschenschablone, die sie aber mit unverhältnismäßig großen Waden versahen. Vorgeschichtliche Wandmalereien Nordafrikas zeigen Menschen, deren Kopf durch einen überdimensionierten Kreis bezeichnet, andere, deren Kopfrudiment nur durch ein kurzes Strichelchen angedeutet wird. Alle diese schematischen Zeichnungen treten serienweise neben künstlerisch wertvolleren Darstellungen auf. Sie zeugen von einer unterentwickelten Phantasietätigkeit oder sind Abnützungserscheinungen der schöpferischen Vorstellung. dass solche Formentartungen nicht notwendigerweise zu einer primitiven Stufe künstlerischen Schaffens gehören, beweisen unter anderem die viel früher entstandenen Höhlenzeichnungen von Lascaux, die vollwertige Kunstwerke sind und trotz der Primitivität ihrer Ausdrucksmittel durch eine oft erstaunlich differenzierte Vorstellungsgabe gestaltet wurden.

Bezeichnenderweise waren es aber gerade die Mängel der Formgebung prähistorischer Werke, die in der neueren Kunstliteratur das größte Aufsehen erregten und nicht zu Unrecht wurde die Schematisierung der Formen mit der Ausdrucksweise der Moderne verglichen. Die Abkehr von einer naturähnlichen Darstellung wurde als Steigerung des künstlerischen Ausdrucks gewertet, die sie mit expressionistischen Werken gemeinsam hätte. Das trifft insofern zu, als der Expressionismus die Schematisierung der Form sogar zu einem seiner Grundsätze machte. Nicht das Einmalige, Besondere, Unwiederholbare, ,Zufällige‘ des Gegenstandes sollte dargestellt werden, sondern sein Urbegriff. Aus einem Balken, an dessen oberen und unteren Ende einige Striche als Andeutung von Ästen und Wurzeln ansetzten, wurde der Urbaum und eine Röhre, aus der vier kleinere wuchsen, wurde zum Urbild des Menschen. Damit war die vollständige Abkehr vom Wesen künstlerischen Ausdrucks vollzogen.

Denn nur aus dem Einmaligen, Besonderen und Unwiederholbaren der Erscheinung schöpft der Künstler sein Phantasiebild, nur im "Zufälligen" und Einzigartigen erkennt er die Ordnung einer transzendenten Welt, die der ratio verschlossen ist. Wird die Einmaligkeit eines Formerlebnisses zu einem wiederholbaren Formbegriff degradiert, d.h. die intuitive Form der Phantasie mit einer diskursiven vertauscht, so hört Kunst auf zu sein.

Welchen Sinn könnte es wohl haben, die Vision eines "zufälligen" Menschen, die einmalig ist und sich als ein ganz bestimmtes, äußerst subtiles und kompliziertes Zusammenspiel von Form- und Farbrhythmen offenbart, durch ein graphisches Zeichen für den Begriff Mensch, nämlich einer großen Röhre und vier kleinen Röhren, zu ersetzen? Genügt als Zeichen für den Begriff "Mensch" das geschriebene Wort ,Mensch‘ nicht vollauf? Oder sollten wir zu einer Bilderschrift wie die altkretische oder altägyptische zurückgeführt werden? Diese hatten wenigstens den Vorteil, dekorativ brauchbar zu sein, was von vielen Bildern des 20. Jh. gewiss nicht gesagt werden kann.

Der Schematismus nimmt aber nicht immer so extreme Formen an, wie in den bisher erwähnten Beispielen. Wird eine einmal für brauchbar befundene Form routinemäßig wiederholt, ohne sich um eine Erneuerung der Vorstellung zu kümmern, so wird sie zur Konvention, die von einer Anzahl von Zeitgenossen übernommen, nachgeahmt und zum einzig gültigen Stil erklärt wird.

Aus geistiger Trägheit werden diese Formschemata solange wiederholt, bis ein phantasiebegabter Künstler die erstarrte Tradition mit neuen Vorstellungen unterbricht nicht ohne den Widerstand derer, die im Strome der herrschenden Mode mitschwimmen. So machte sich Rembrandt seine Auftraggeber zu Feinden, weil er in seiner "Nachtwache" die Gilde nicht in der üblichen Aufstellung portraitierte und de Chirico lud sich den Zorn seiner Zeitgenossen auf, als er von seinen intellektuellen Bildkonstruktionen abließ, um einer anschaulicheren Malweise nachzugehen.

Die konventionelle Form kann auch durch eine private, staatliche oder kirchliche Instanz dogmatisiert werden. Dann wird der Künstler daran gehindert, andere Formen als die vorgeschriebenen zu finden. Das Schema wird zum Tabu. Strenge Gesetze regelten die Darstellung indischer und tibetischer Gottheiten. Wie bei den Byzantinern die Heiligen, durften sie nur in vorgeschriebenen Größenverhältnissen, in festgesetzter Gruppierung und mit genau bestimmten Gebärden dargestellt werden. Auf Vorschriften der Obrigkeit ist auch die starre Haltung vieler ägyptischer Statuen zurückzuführen. Die Oberkörper der Gottheiten, Könige und Würdenträger mussten in Vorderansicht, ihre Beine und Gesichter im Profil dargestellt werden. Bei freistehenden Plastiken musste ein Fuß vor dem anderen stehen und die Arme am Körper anliegen. dass diese hieratische Stellung nicht der Unfähigkeit zuzuschreiben ist, die Körper in natürlicher Haltung darzustellen, beweisen Reliefs und Malereien, die Bauern, Fischer, Krieger und Tänzerinnen in den verschiedensten Stellungen zeigen. So sind archaische Formen oft weniger auf die Unfähigkeit des Bildners zurückzuführen, sie freier zu gestalten, als auf Vorschriften, an die er sich zu halten hatte.

Die Dogmatisierung der Formen behindert immer die Entfaltung künstlerischer Tätigkeit, sowohl wenn sie von einer außenstehenden Instanz aufgezwungen wird als auch, wenn sich der Künstler den von ihm selbst errichteten Dogmen unterwirft.

Die Griechen bedienten sich festgelegter Kanons und die Künstler der Renaissance gaben formalen Regeln einen breiten Raum. Aber nicht diesen Kanons und Regeln ist es zu verdanken, dass sie hohe Kunstwerke schufen, sondern ihrer Fähigkeit, die Regeln nicht dogmatisch, sondern behelfsmäßig anzuwenden, sie ihrer jeweiligen Vision anzupassen und ihr Phantasiebild nicht durch formale Gesetze einzwängen zu lassen. Also trotz und nicht wegen Kanons und Regeln entstanden hervorragende Werke.

Nur ein kleiner Schritt trennt die schematische Darstellung von einer symbolischen Zeichensprache, den Röhren-Urmenschen von der Hieroglyphe. Wenn Formschemata von einer Gemeinschaft als Kennzeichen für bestimmte Begriffe anerkannt werden, ist dieser Schritt vollzogen. Der Schöpfer des Röhren-Menschen erhebt den Anspruch, die menschliche Gestalt in einer von allen individuellen Eigentümlichkeiten und von allen ,Zufälligkeiten‘ befreiten Urform darzustellen, die Hieroglyphe kennzeichnet den Begriff Mensch mittels eines durch Übereinkunft ein für alle Male festgesetzten symbolischen Zeichens.

Während in der schematischen Darstellung der Gegenstand trotz seiner versimpelten Form noch annähernd erkennbar ist, erscheint das symbolische Zeichen in abstrakter Form. Der geringe visuelle Mitteilungsgehalt, der bei schematischen Formen durch die reduzierte Gegenständlichkeit der Darstellung noch bestand, fällt beim abstrakten Symbol ganz weg. Anschaulich lässt sich somit aus symbolischen Zeichen nichts mehr herauslesen und sie bleiben dem, der ihre Symbolik nicht kennt, unverständlich. Erst die Kenntnis ihrer symbolischen Bedeutung erlaubt es, ihren Sinn zu erfassen.

Die Scheibe, die in christlichen Werken den Kopf der Heiligen umgibt, wird von Kennern christlicher Symbolik unschwer als Heiligenschein erkannt, während der Uneingeweihte nur die abstrakte Form eines Kreises sieht. Ebenso verständnislos steht der Betrachter tibetischer, aztekischer oder afrikanischer Kunst vor Formen, deren Symbolik ihm nicht bekannt ist.

Da die Anschauung symbolischer Zeichen unmittelbar nichts mitteilt, kann die symbolische Zeichensprache, obgleich sie in sichtbarer Form erscheint, nicht zur bildenden Kunst gezählt werden. Ihr Ursprung ist visionsfremd und dem künstlerischen Ausdruck infolgedessen abträglich.

dass Symbole aber nicht notwendigerweise in Form abstrakter Zeichen erscheinen, zeigen Grünewalds Isenheimer Altartafeln, wohl eines der gewaltigsten Werke, welche die Menschheit hervorgebracht hat. Der Heiligenschein ist hier zu einer visionär erschauten Aureole geworden, die den auferstehenden Christus mit mystischem Licht überflutet.

Meistens werden die symbolischen Zeichen als Ornamente verwendet, wozu sie sich wegen der Abstraktion ihrer Formen besonders gut eignen. Ihre dekorative Bestimmung wird durch die Art ihrer Verarbeitung oft noch unterstrichen. So wird z.B. die ornamentale Funktion des Heiligenscheins in sakralen Werken häufig betont, indem er mit Goldfolie einem außerordentlichen dekorativen Material ausgelegt wird, oder falls schon andere Bildteile vergoldet sind indem seine Ränder reliefartig überhöht oder mit gepunzten Mustern versehen werden.

Die Ornamentierung der Formen spielt bei allen Kunstwerken mit symbolischem Gehalt eine wesentliche Rolle. Die Werke der Mayas, der Tibeter und der Schwarzafrikaner bezeugen dies mit aller Deutlichkeit. In afrikanischen Plastiken steht das dekorative Element so sehr im Vordergrund, dass es die Symbolik der Formen zu verdrängen scheint und kaum noch zu unterscheiden ist, ob die abstrakten Formen ihres symbolischen Gehaltes oder ihrer dekorativen Brauchbarkeit wegen verwendet wurden. Z.B. werden die Stammnarben an Stirne und Wangen der Ahnenmasken ornamental angeordnet und es ist wohl hauptsächlich die Freude am Verzieren, welche die Künstler von Ife dazu verführte, ihre sehr schönen Königsköpfe mit regelmäßig über das ganze Gesicht gezogenen Rillen oder Punktreihen zu versehen.

Symbolische Zeichen sind nicht mit den sinnbildlichen Attributen zu verwechseln, die oft Heiligen und Göttern beigegeben werden. Attribute werden gegenständlich und mit der gleichen Naturähnlichkeit dargestellt, wie die Gestalten, die sie kennzeichnen. Der Löwe des heiligen Hieronymus, Bogen und Hirsch der Diana, Keule und Vlies des Herkules oder die Leier des Apoll sind Attribute, während die abstrakten Formen des Heiligenscheins, des Kreuzes, des Halbmondes, der Ring des tanzenden Vischnus, die graphische Darstellung tibetischer Mandalas oder das Wahrzeichen des Osiris der symbolischen Zeichensprache zugehören.

 

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