4.3 Mutationen des Naturbildes

© Egon von Vietinghoff-Stiftung

 

Untersucht man, warum in den bildenden Künsten die Darstellung des Gegenstandes von seinem natürlichen Aussehen abweicht, muss grundsätzlich zwischen visionseigenen und visionsfremden Ursachen unterschieden werden.

Grecos in die Länge gezogenen Gestalten, seine ovalen Pupillen, flammenden Hände und zerfetzten Landschaften gehören zu seiner Vision, auch wenn er ihre formalen Merkmale manchmal bewusst betont. Die Verformungen erscheinen in seiner Vorstellung und sind ohne Abschwächung des künstlerischen Ausdrucks nicht wegzudenken. In völliger Verkennung künstlerischer Belange wurde behauptet, die Formverzerrung Grecos wären die Folge eines strukturellen Fehlers seiner Iris. Dem gleichen Irrtum entstammt die Meinung, ein Künstler sähe anders als andere Menschen, eine bequeme Ausrede für Portraitisten, denen keine Ähnlichkeit gelingt, aber ein gedanklicher Fehlschluss: Das unterschiedliche Sehen spielt sich im geistigen und nicht im physischen Auge ab. Auch die übertriebene Fülle weiblicher Körperformen, die indische Plastiken charakterisiert, sind visionseigene Verformungen. Würden sie im naturalistischen Sinne korrigiert, so verlören diese Statuen ihre Überzeugungs- und Ausdruckskraft. Dasselbe gilt für die visionären Bilder Turners, die oft so natur-unähnlich sind, dass der Gegenstand kaum noch erkennbar ist.

Auf andere Ursachen als die Vision des Künstlers sind hingegen die Mutationen zurückzuführen, denen das Naturbild von manchen Modernen unterzogen wird. Wenn Schmidt-Rottluff seine Häuser durchwegs schief malt, Marc, Nolde, Pechstein, Kirchner ihre Figuren stets mit Farben darstellen, die den natürlichen diametral entgegengesetzt sind und Picasso seine Leiber einmal wie unregelmäßig aufgeblasene Gummischläuche, ein anderes Mal wie zersplittertes Kleinholz zeichnet, können solche krassen Veränderungen nicht mehr mit der Eigenart der künstlerischen Vorstellung erklärt werden. Es ist offensichtlich, dass eine menschliche Gestalt nicht unabsichtlich mit einer Hand ausgestattet wird, die so überdimensioniert ist, dass sie den ganzen übrigen Körper umfassen könnte, dass nur eine vorgefasste Absicht die gleiche Übertreibung zur Abwechslung auf einen Fuß verlegen, Augen am Halse und Ohren am Hinterteil befestigen kann. Solche Verzerrungen sind gewollt und nicht erschaut. Hier spricht Willkür, nicht Phantasie. Die Absicht ist eine Äußerung des persönlichen Willens, der wie gesagt die Entstehung künstlerischer Vorstellungen verhindert. Die Verzerrungen picassischer Formen sind somit auf visionsfremde Ursachen zurückzuführen (vgl. die sehr aufschlussreiche Beschreibung picassischer Gestaltungsmethoden in Françoise Gilots ,Leben mit Picasso‘, ein Dokument, dessen Wahrheitsgehalt durch die Bewunderung, welche die Autorin der Genialität picassischen Schaffens entgegenbringt, gesichert erscheint).

Es ist nicht immer so leicht wie in obigen Beispielen, die Willkür bildnerischer Tätigkeit zu erkennen und gewollte Verformungen von solchen zu unterscheiden, die der Vision des Künstlers eigen sind. Die Ungeheuer von Hieronymus Bosch, das höllische Getier Pieter Bruegels d. J. oder die oft ins Groteske gesteigerten Figuren chinesischer Tuschzeichnungen entsprangen, ebenso wie die Seebilder Turners, zweifellos der Phantasie dieser Geister. Auch die phantastisch übersteigerten Formen vieler schwarzafrikanischer Plastiken spiegeln die Vorstellung wider, die sich ihre Schöpfer von furchterregenden Mächten und Geistern machten. Anderseits gibt es aber afrikanische Plastiken, Südseemasken und Fratzen, die bei alpinen Volksfesten verwendet werden, die deutlich die Absicht verraten, Angst einzuflößen. Die visuelle Vorstellung, die der Künstler von furchterregenden Wesen haben mochte, wird dort von der bewussten Absicht verdrängt, die Grässlichkeit der Maske z.B. durch lange Eckzähne, verzerrte Mäuler und struppiges Haar zu steigern. dass auch hochwertige Plastiken des schwarzen Erdteils starke Formübertreibungen aufweisen, die aber visionseigen sind wie z.B. die in die Länge gezogenen Antilopen-Tanzmasken Westafrikas, erleichtert die Beurteilung afrikanischer Kunstproduktion nicht, zumal auch andere visionsfremde Einschläge hinzukommen, wie Schematismus, Symbolik und ein sehr entwickelter dekorativer Sinn.

Willkür ist nicht die einzige Ursache für eine von der Natur abweichende Darstellung. Die starre Haltung ägyptischer Gestalten, die Verzeichnungen paläolithischer Felsenmalereien, die zu Formrudimenten abgewandelten Körperteile südspanischer Wandzeichnungen oder der Ritzbilder des Hoggar lassen sich weder mit einer vorgefassten Absicht, noch durch die Eigentümlichkeit der Vision erklären. Hier sind andere visionsfremde Einflüsse am Werk, die im folgenden Kapitel besprochen werden.

Jedes echte Kunstwerk ist die Manifestation eines einmaligen visuellen Erlebnisses, das sich in der Phantasie abspielt. Deshalb schwächt, beschränkt oder verhindert jeder visionsfremde, d.h. von außen kommende Eingriff in die Phantasiesphäre des Künstlers den visionären Ausdruck. Da die visuelle Phantasie mit dem Gegenstand verbunden ist und ihn zu durchdringen sucht, schmälert jede Behinderung ihrer Tätigkeit den künstlerischen Ausdruck und bewirkt zugleich ein Abweichen vom Naturbild. Dazu ist zu bemerken, dass von außen kommende Eingriffe dem Ausdrucksgehalt abträglich sind, wenn sie die Tätigkeit der Phantasie jedoch nicht wenn sie das ihr gestellte Thema betreffen.

 

Die visionsfremden Ursachen für Verformungen des Naturbildes können in fünf Gruppen eingeteilt werden:

  1. Dekorative Erwägungen (s. Kapitel 2.2 über Ornamentik)

  2. Vorgefasste Absicht und Willkür (vorgängig erwähnt)

  3. Einschlag nicht visueller Vorstellungen

  4. Schematismus, Konvention, Routine und Symbolik

  5. Mangelndes Darstellungsvermögen

Die Vision des Künstlers kann von Anfang an oder erst im Verlauf der Gestaltung seines Werkes in verschiedenem Ausmaß und durch eine oder mehrere visionsfremde Ursachen beeinflusst werden.

 

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