3.2 Kritik abstrakter Kunst

© Egon von Vietinghoff-Stiftung

Wenn ein Säugling vor sich hin lallt und gurgelnde oder prustende Laute ausstößt, können wir annehmen, dass er damit seine Empfindungen akustisch ausdrückt. Am Tonfall seines Gurgelns und an der Lautstärke seiner Stimme können wir mit einiger Erfahrung sogar ahnen, was in ihm vorgeht, wissen können wir es nicht, denn dazu ist sein Ausdruck zu unbestimmt. Infolgedessen täuschen wir uns oft und halten sein Geschrei für den Ausdruck des Hungers, während es in Wirklichkeit Unmut über nasse Windeln bedeutet. Das ändert sich, sobald das Kind spricht d.h. gelernt hat, seine Empfindungen nicht mehr durch Laute, sondern in Worten auszudrücken. Dann verstehen wir, was es uns mitteilt. Die Mitteilbarkeit des Ausdrucks setzt also die Kenntnis einer Sprache voraus.

Wie der Säugling verhält sich auch der abstrakte Künstler. Ihm selbst mögen die abstrakten Zeichen, die er produziert, zwar etwas bedeuten, der Betrachter seiner Werke aber kann ihre Bedeutung nicht herauslesen und wird den Ausdruck des Künstlers solange nicht verstehen oder missverstehen als dieser sich nicht einer allgemein verständlichen Sprache bedient. 

Wir sahen, dass eine solche durch die Struktur der Farbmasse nicht gegeben ist. Infolgedessen sind abstrakte Formen und Farben wie Laute ohne Worte, deren Klang uns bestenfalls wie ein Ornament ästhetisch befriedigen kann. Erst wenn die Laute zu Worten und damit zu Trägern eines Sinnes werden und erst, wenn die Formen und Farben zu Trägern gegenständlicher Erscheinungen werden, können wir den Ausdruck des Künstlers nachempfinden, seiner Mitteilung folgen.

Ein bekanntes Bild von Paul Klee zeigt einen zinnoberroten Fisch inmitten einer grünblauen Umgebung. Der Farbklang vermittelt die undeutliche Vorstellung eines im tiefen Wasser einsam schwimmenden Goldfisches. Würde der rote Fisch aber durch ein rotes Rechteck ersetzt, so könnte keine Vorstellung im Betrachter wachgerufen werden. Dieser würde lediglich zwei Farben wahrnehmen, die nichts aussagen.  Das Bild hätte seinen Mitteilungswert verloren, weil die abstrakte Form allein nichts ausdrückt.

Ein Rechteck ist ein vollkommen neutrales Gebilde, das gar nichts aussagt oder alles, was der Beschauer herauslesen oder hineinsehen will. Der Künstler, der sich durch abstrakte Formen auszudrücken wähnt, täuscht sich also, und der Betrachter seiner Werke, der einen Ausdruck herauszulesen glaubt, nicht weniger. Selbst, wenn bestimmte Formen und Farben gewissen Assoziationen aus dem Unterbewusstsein des einzelnen Künstlers entsprechen mögen, kann der Betrachter diese nicht nachempfinden, weil er die gleichen Formen und Farben wahrscheinlich mit ganz anderen Vorstellungen verbindet. Auch das Lallen ist für den Säugling der Ausdruck bestimmter Empfindungen, seiner Umwelt vermittelt er seine Empfindung durch Lallen jedoch nicht.

Abstrakte Formen sind deshalb vieldeutig. Mit Schwarz verbindet der Europäer die Trauer, mit Weiß die Freude, das Licht, die Heiterkeit. Dem Chinesen hingegen bedeutet das farbtonlose Weiß Trauer und Tod. Rot ist bei uns je nach subjektiver Auslegung die Farbe des Zornes, der Liebe, des Prunkes, der Majestät, des Teufels, des Irdischen usw. für Chinesen ... Würde hundert Menschen die gleiche abstrakte Form vorgelegt, so bekäme man von ihnen hundert verschiedene Äußerungen über die dadurch wachgerufenen Vorstellungen. Die Auslegung abstrakter Formen ist immer subjektiv und der intellektuelle Überbau, der auf solchen Auslegungen gründet, somit auf Sand gebaut.

Abstrakte Gebilde werden in Ausstellungen mit Titeln versehen, die über die Absicht des Künstlers mehr Aufschluss geben (oder zu geben vorgeben) als die Werke selbst. Wenn z.B. eine mit einer Beule versehene, eiförmige Plastik im Katalog als ,Mutterschaft‘ ausgewiesen wird, kann der Ausstellungsbesucher sich denken, die größere eiförmige Form stelle das weibliche Prinzip dar, aus dem das Kind in Form der kleineren Beule herauswächst. Kennt er aber den Titel der Plastik nicht, so wird er sich nichts darunter vorstellen können und kaum auf den Gedanken kommen, vor einer Mutterschaft zu stehen.

Meistens werden die Titel erst gewählt, wenn die abstrakten Elaborate in die Ausstellungen kommen. Statt der Aufklärung des Besuchers, dienen sie dann dazu, ihn zusätzlich irrezuführen. Außer ihrer Benennung bedürfen solche Produkte auch noch einer Erklärung, um sich dem Publikum zu erschließen. Ebenso wortreiche wie unverständliche Rezensionen werden zu diesem Zwecke von zeitgenössischen Journalisten und Kunstgelehrten in beliebigen Mengen geliefert. 

Wenn also Werke bildender Kunst, deren Zweck die Mitteilung visuellen Erlebens ist, auf zusätzliche, wortreiche literarische Äußerungen angewiesen sind, um mitteilbar zu werden, kann doch nur ein Mangel ihrer Ausdrucksform oder das fehlende künstlerische Erlebnis dafür verantwortlich sein.

Mondrian glaubt zwar durch einen langen, waagrechten und zwei senkrechte Balken den Ausdruck für New York gefunden zu haben. Wird aber irgend ein Betrachter in diesem Produkt vielleicht ehrlicher Überzeugung und ausgeklügelter Abgewogenheit den Ausdruck oder auch nur das Symbol für New York erkennen, wenn er die Absicht des Malers nicht kannte? Bestimmt nicht, denn die Gedanken, die dieser sich bei der Erstellung der blanken Balken gemacht haben mag, sind aus dem Bild nicht herauszulesen. Wie erklärt sich dagegen, dass wir vor 4000 Jahren entstandene ägyptische Reliefs, vor 20000 Jahren auf den Felsen gemalte Tierdarstellungen oder die Tuschzeichnungen des fernsten Ostens, die uns alle völlig fremd sind, auch ohne Erklärung aufnehmen und nachfühlen können? Dagegen bleibt westlich erzogenen Menschen die fernöstliche Musik unzugänglich, deren formale Ordnung uns nicht geläufig ist. Ist dieser Unterschied nicht schon Beweis genug, dass es die Gegenständlichkeit der visuellen Ausdrucksmittel einerseits und die Ordnung der akustischen andererseits ist, die das künstlerische Erlebnis mitteilbar machen?

Welchen Sinn könnte abstrakte Kunst wohl haben, wenn sie nicht Mitteilung künstlerischen Erlebens ist? Ornamente sind diese Produkte nicht, denn es fehlt ihnen der zu verzierende Gebrauchsgegenstand und die ästhetische Wirkung. Sie werden als Zeitdokumente angepriesen. Aber was wird da dokumentiert – der "Zeitgeist"? Oder kann es der Zweck des Kunstschaffens sein, historische Dokumente zu produzieren?

Abstrakte Kunst ist eine Spielerei, ein Basteln mit Formen und Farben, eine törichte Spielerei, weil Spielregeln fehlen, durch die auch Spielen einen Sinn und seinen Reiz erhält, und eine betrügerische, weil sie vorgibt, ernst zu nehmende Kunstwerke zu schaffen.

Wir sind gewohnt in Räumen, die zur Ausstellung von Kunstwerken vorgesehen waren, als Plastiken zur Schau gestellte Drahtgewirre und als Gemälde ausgegebene Collagen vorzufinden. Was würden wir sagen, wenn uns in einem Band lyrischer Dichtung Wortspiele wie "Fischers Fritz fischt frische Fische" als Gedicht vorgesetzt würden oder wir in einer Prosadichtung einigen Seiten wahllos aneinandergereihter Konsonanten und Vokalen begegneten? (Derartige durch die Dadaisten in den Zwanzigerjahren als Jux publizierte Lyrik wurde von ihren Rezensenten ernst genommen und als eine neue Form der Poesie gewertet).

Abstrakte Kunst ist Betrug oder Selbstbetrug oder der opportunistische Übergang von einem zum anderen. Der Betrüger ist sich seiner Tat bewusst, der Selbstbetrüger nicht, zwischen ihnen steht der opportunistische Spieler.

 

© Egon von Vietinghoff-Stiftung

Inhaltsverzeichnis