2.5 Die Architektur

© Egon von Vietinghoff-Stiftung

Die Architektur nimmt im Kreise der Künste eine Sonderstellung ein. Mit einem Fuß steht sie im Bereich der visionären Kunst, mit dem anderen auf dem Boden der Ornamentik. Als Ausdruck raumgestaltender Vorstellungen gehört sie zur visionären Kunst, als auf einen Verwendungszweck ausgerichtete Konstruktion zur angewandten Kunst.

Zwar können visionäre Elemente in der Architektur eine sekundäre Rolle spielen oder ganz fehlen, ein Bauwerk ohne Verwendungszweck ist aber undenkbar. Jeder Bau hat seine Zweckbestimmung als Wohnung. Fabrik, Kultstätte, Versammlungsort, Geschäftslokal usw. Gebäude, die ausschließlich auf ihre Nutzbarkeit (z.B. Lager, Ställe, Garagen) hin geplant sind, fallen nicht unter den Begriff der Architektur als Kunst und interessieren hier nicht.

Als Kunstwerke können nur Bauten gelten, denen eine architektonische Idee im Sinne einer künstlerischen Vision zu Grunde liegt. Im Unterschied zu jener der Malerei umfasst die architektonische Idee jedoch sowohl visuelle als auch utilitaristische Aspekte.

Der Verwendungszweck des Bauwerkes gehört also für den Architekten zu seiner künstlerischen Vorstellung wie der Gegenstand zur Vision des bildenden Künstlers. Der Synthese Form-Gegenstand des visionären Bildners entspricht die Synthese von Raumvorstellung und Zweckbestimmung des Architekten. Der Ausfall einer Komponente dieser Synthese bedeutet sowohl für das Bauwerk wie für das Bild den Verlust des künstlerischen Gehaltes. So wie in der Malerei aus der bloßen Beachtung des Gegenstands eine künstlerisch wertlose Nachahmung der Naturerscheinung resultiert, so ist der künstlerisch neutrale Nutzbau das Ergebnis einer architektonischen Betätigung, die nur auf die Zweckbestimmung ausgerichtet ist.

Ein amusischer Betrachter macht keinen Unterschied zwischen Werken der Kunst und solchen der Technik: er hält die elegant über eine Schlucht gespannte Eisenbetonbrücke dem romanischen Dom für ebenbürtig oder setzt den Wert einer Kunstphotographie mit dem eines Gemäldes aus Meisterhand gleich. Es entgeht ihm, dass der auf beide Objekte angewandte Begriff "schön" jeweils einen anderen Sinn hat, je nach dem ob auf den architektonischen Ausdruck des Doms oder ob auf die gelungene technische Lösung des Brückenbaus bezogen. Die Schönheit des Domes ist das Resultat eines architektonischen Phantasiebildes, diejenige der Brücke das Ergebnis einer nur auf Nutzbarkeit ausgerichteten technischen Berechnung. Die Gestalt der Brücke ergibt sich aus der technischen Lösung des Problems "Überbrückung", während die Technik für den Erbauer des Domes nur ein Mittel ist, seiner architektonischen Idee Gestalt zu geben.

Der Zweckbestimmung kommt also in der Architektur, so wie dem thematischen Motiv in der Malerei, nur insofern künstlerische Bedeutung zu, als sie durch die Phantasie erfasst in die architektonische Idee integriert ist. Tempel, Kirchen, Pagoden und Moscheen sind Ausdruck architektonischer Raumvorstellungen, die durch die Phantasie des Architekten mit dem Verwendungszweck, mit der Lage und der Umgebung des Bauwerkes zu einer unauflösbaren Synthese verschmolzen wurden.

So bilden die klaren eindeutigen Bauformen eines griechischen Tempels, seine erhöhte Lage und die Weitsicht auf eine hügelige Landschaft mit seiner Verwendung als Kultstätte eine untrennbare Einheit, während die weite apulische Ebene nur durch das auf einsamer Bodenerhebung errichtete Castel del Monte beherrscht werden konnte.

Wie abträglich für die architektonische Idee der Verlust einer ihrer Komponenten sein kann, zeigt sich, wenn die Umgebung des Bauwerkes verändert wird. Z.B. hatte die Sanierung des Trastevere in Rom schwere Folgen für den gesamten architektonischen Komplex des Vatikans. Der gewaltige Eindruck, den der von Säulengängen umrahmte St. Peter-Platz machte, wenn man aus dem Gewirr enger Gässchen heraustrat, ist durch den Abbruch dieses Viertels und die breite Schneise der Via della Conciliazione zerstört worden. Berninis Platz wirkt jetzt als ein nur wenig erweiterter Endpunkt dieser überdimensionierten Straße, in deren Hintergrund der St. Petersdom klein wie ein Spielzeug erscheint. Vom Dom, dieser genialen architektonischen Idee Michelangelos, kann man sich nur noch eine Vorstellung machen, wenn man den mächtigen Kuppelbau von hinten betrachtet, denn die Vorderansicht ist durch die nachträglich hinzugefügte Fassade banalisiert, durch den Straßendurchbruch verniedlicht und der Innenraum durch Anhäufung geschmacklosen Beiwerks verunstaltet worden.

Das Ornament spielt für den Architekten eine andere Rolle als für den bildenden Künstler oder den Designer. Dem Dekorateur ist der architektonische Raum ein zu verschönernder Gegenstand, dem Architekten bedeutet das Ornament eine seiner Ausdrucksformen. So trägt in klösterlichen Kreuzgängen die Anordnung der Säulen, die Ornamentik der Kapitelle, die Bemalung der Wände, die Grünanlage des Atriums und sein plätschernder Brunnen dazu bei, den der Kontemplation geweihten Wandelgängen und der stillen Abgeschiedenheit mönchischen Lebens einen Rahmen zu geben. Voraussetzung für ein gelungenes architektonisches Werk dieser Art ist ein auf den Nutzen des Gebäudes gerichtetes, in eine Vision eingebrachtes Gesamtkonzept.

 

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