2.4 Über die Subjektivität des Kunsturteils
© Egon von Vietinghoff-Stiftung
| Die fundamentale Verschiedenheit visionärer und dekorativer Kunst beantwortet die Frage nach der Subjektivität des Kunsturteils. Das Werk des visionären Künstlers ist nicht – wie dasjenige des dekorativ Schaffenden – das Resultat persönlichen Geschmacks und Gutdünkens, sondern das Ergebnis einer transzendenten Wahrnehmung, die ohne den persönlichen Willen oder die persönliche Neigungen des Künstlers zu beanspruchen, unmittelbar dargestellt und dadurch mitgeteilt wird. Der Künstler empfindet seine Vision als etwas transzendent Bestehendes. Sie ist ihm gegeben und er gibt sie durch sein Werk gewissermaßen "ohne eigenes Zutun" weiter. |
Der Betrachter des Werkes kann nur das herauslesen, was es ausdrückt. Er kann die Mitteilung aufnehmen oder sich ihr verschließen, sie beachten oder sie übersehen; er kann sie, nach Maßgabe seines künstlerischen Sensoriums nachempfinden oder nicht, sie kann ihn beeindrucken oder kalt lassen. Sein subjektives Befinden sollte dabei ebenso unbeteiligt sein, wie es die persönlichen Neigungen des Künstlers waren, als er sein Werk schuf. Folglich kann der Betrachter eines visionären Bildes berechtigterweise behaupten, es sage ihm nichts. Es steht ihm aber nicht zu, es zu kritisieren, weil es seinem Geschmack nicht entspricht, es beispielsweise zu dunkel, zu farblos oder zu bunt zu finden. Denn nicht seinen Schönheitssinn anzusprechen, nicht ihm zu gefallen bezweckt diese Kunst, sondern ihm ein visuelles Erlebnis mitzuteilen. Nur das Mitgeteilte soll und kann herausgelesen werden. Wenn der Betrachter ein solches Werk "schön" nennt, enthält sein Urteil keine subjektive Wertung ästhetischer Art, sondern die Feststellung, dem Künstler sei die Darstellung seines Phantasiebildes so gut gelungen, dass es miterlebt werden kann. Jede subjektive d.h. vom persönlichen Geschmack des Betrachters abhängige Beurteilung visionärer Kunst ist somit fehl am Platz.
| Sowenig der Ausspruch "de gustibus non est disputandum" auf visionäre Kunst anwendbar ist, so gültig ist er dagegen, wenn er auf dekorative Kunst bezogen wird. |
Der dekorative Künstler formt sein Werk nach subjektivem, eigenem Ermessen, von seinem ästhetischen Takt und seinem persönlichen Geschmack geleitet. Dass er sich dabei an dekorative Richtlinien hält, welche durch die Form und den Verwendungszweck des dekorierten Gegenstandes bestimmt werden, ändert an der Subjektivität seines Schaffens nichts, denn er verwertet diese Regeln nach eigenem Gutdünken. Entspricht sein Geschmack dem des Betrachters, gefällt das Werk, andernfalls nicht. Das Urteil ist subjektiv und fällt deshalb sehr unterschiedlich aus.
Der rasche Wechsel sich ablösender Moderichtungen ist eine Folge der Subjektivität des geschmacklichen Urteils. Wurde bei der Gestaltung des Ornamentes objektiv begründeten Richtlinien genügend Beachtung geschenkt, so kann das dekorative Werk über lange Zeitspannen hin die Zustimmung zahlreicher Betrachter haben, während es bei Missachtung dekorativer Regeln höchstens einen kurzfristigen Modeerfolg genießt. Moden sind aber so wandelbar, dass die gepriesensten Produkte einer Geschmacksrichtung schon in kurzer Zeit veralten. Nicht nur die mit Blumengärten beladenen Riesenhüte von 1910 oder die durch Kniefesseln zusammengehaltenen Hemdkleider der Zwanzigerjahre erscheinen uns heute ebenso unschön wie unsere Kleidermode späteren Generationen erscheinen wird. Auch die vielbewunderten Meißner Porzellanpüppchen, das mit ornamentalen Zutaten überladene Sèvres-Porzellan, die Inneneinrichtungen des Jugendstils oder die Möbel, Tapeten und Vorhänge zierenden süßlichen Schäferszenen des lB. Jahrhunderts sowie damals hochgeschätzte Maler wie Largillières, Gros u.a. sprechen spätere Generationen mit anderen Geschmacksrichtungen nicht mehr an.
Allerdings können veraltete Formen wieder hochgespielt werden, denn der Modegeschmack ist ein zeitlich begrenztes Kollektivphänomen, das meist aus wirtschaftlichen Erwägungen, künstlich erweckt, verändert, fallengelassen und wieder belebt wird. Charakteristisch für die Mode ist die Intoleranz, mit der frühere oder noch nicht allgemein anerkannte Geschmacksrichtungen bekämpft werden. Die Mitläufer der Mode sind immer überzeugt, die einzigen Träger künstlerischen Fortschritts zu sein. In Wirklichkeit gibt es keinen Fortschritt, sondern nur einen Wechsel des Zeitgeschmackes, und gerade die triumphierendsten und neuesten Formen verfallen am raschesten der Veralterung. Kunstprodukte haben um so weniger Bestand vor dem Urteil kommender Generationen je mehr sie von der herrschenden Mode ihrer Entstehungszeit geprägt wurden.
Da Modeerzeugnisse künstliche Gebilde sind, entsprechen sie keinem wirklichen Bedürfnis des menschlichen Geistes und können ihn infolgedessen geschmacklich nur vorübergehend und künstlerisch gar nicht befriedigen. Einer kurzen Scheineuphorie für bestimmte Erscheinungen folgt, wenn diese missliebig geworden sind, eine Kehrtwendung zu entgegengesetzten Formen hin, und je weiter die Mode nach einer Seite ausschlägt, um so heftiger pendelt sie nachher in die Gegenrichtung. So wandelt sich der subjektive Geschmack ständig, weil er auf veraltete Formen mit der Suche nach entgegengesetzten reagiert: Auf besonders kurze Kleider folgen ungewöhnlich lange, auf die Gefühls überschwängliche Romantik der eisige Neoklassizismus, auf die Empfindsamkeit des Impressionismus die intellektuell begründeten Konstruktionen des Kubismus, auf die abstrakte Malerei das ultranaturalistische Pop-Art, auf den nüchternen Stahlmöbelstil die verspielten Formen eines wieder aufgewärmten Jugendstils. Der menschliche Geist, der "seine Mitte verloren hat" (Hans Sedlmayr: Verlust der Mitte, Salzburg 1948), wird fassungslos von einem Extrem ins andere verschlagen.
| Die Empfänglichkeit für dekorative Kunst ist verbreiteter als diejenige für visionäre, die ein entwickelteres künstlerisches Sensorium voraussetzt. Fehlt dieses oder wird es nur durch andere Ausdrucksformen angesprochen, z.B. durch musikalische statt durch visuelle, so bleibt der Betrachter für die Vision des Künstlers blind. Das Werk berührt ihn nicht und, da er sich seines mangelnden Kunstsinnes nicht bewusst ist, weicht sein Urteil auf äußere Merkmale der Bildwerke aus: auf den thematischen Inhalt, auf maltechnische Eigenschaften oder auf ästhetische Reize. Sein Urteil wird unsachlich und subjektiv. |
Er findet Rembrandts Gesichter zu holprig und Rubens‘ Frauen zu dick. Das transzendente Formerlebnis, das sich in diesen Bildern ausdrückt, die Fülle nie versagender Phantasie, die Ausdruckskraft des Pinselstriches, die Wucht der Farbgebung, die Souveränität der Darstellung bleiben ihm verborgen: er sieht nur pockennarbige Gesichter und dicke Leiber. Infolgedessen unterscheidet er auch die von Schülerhänden ausgeführten Bilder, z.B. die überdimensionierten Malereien aus der Werkstatt des Rubens, nicht von seinen herrlichen eigenhändigen Werken (z.B. den Hélène Fourment-Portraits oder den Skizzen zum Maria Medici-Zyklus in der Münchner Pinakothek).
| Wer für die Vision des Künstlers unempfänglich ist und sie subjektiv beurteilt, muss auch das Urteil dessen, der sie nachempfindet, für subjektiv halten und wird für jede Erklärung unzugänglich sein. Da der künstlerische Gehalt eines Werkes und damit auch sein Fehlen nicht nachweisbar ist, wird mit pseudovisionärer Kunst viel Unfug getrieben. Visionärer Ausdruck wird durch formale Spielerei vorgetäuscht. In Zeiten künstlerischer Instinktlosigkeit sind solche Irreführungen schwer aufzudecken. Da der amusische Betrachter den visionären Ausdruck nicht kennt, hat er keine Vergleichsmöglichkeit und kann dessen Karikatur nicht durchschauen. Wer gegen das Kunsterlebnis immun ist, vermag nicht zu unterscheiden, was Kunst und was Betrug ist. |
Außerdem wird die Unterscheidung von dekorativer und visionärer Kunst erschwert, weil nur die Werke der größten Meister ganz frei von dekorativen Elementen sind. Eine Bildkomposition kann ästhetischer Genugtuung zuliebe formal ausgeglichen oder farblich abgestimmt worden sein und bei der Zusammenstellung eines Blumenbildes oder der Verteilung von Figuren im Raum können geschmackliche Gesichtspunkte mitgewirkt haben, obgleich dem Werk ein visionäres Erleben zugrunde liegt. Solche Bilder sind Zwitter, deren künstlerischer Ausdruck durch subjektive Erwägungen abgeschwächt wurde. Ihren visionären Gehalt von dekorativen Beimischungen auseinander zu halten, ist für den unerfahrenen Betrachter nicht leicht. Er schwankt zwischen künstlerischer Ergriffenheit und ästhetischem Genuss. Auf die Beurteilung solcher Werke wirkt die Zeit wie ein Sieb, das die ästhetischen Bestandteile mit der Wandlung des Zeitgeschmackes fallen lässt und die visionären erhält.
In Zeiten verwirrter Kunstbeurteilung sind solche Siebe allerdings unzuverlässig. Wirtschaftliche Interessen können dann längst abgesetzte Kunststile und Moderichtungen erneut hochspielen und das Urteil des Publikums – heutzutage durch den Einsatz der Massenmedien – verfälschen. So wurde der totgeglaubte Jugendstil und seine bereits in die Versenkung geratenen Maler wie Münch, Stuck und Klimt zu Ehren und hohen Preisen empor publiziert.
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