2.1 Wesensverschiedenheit visionärer und dekorativer Kunst
© Egon von Vietinghoff-Stiftung
Die bildenden Künste, Zeichnung, Malerei und Plastik entstanden aus dem Bedürfnis des Menschen, das was seine Phantasie beschäftigte (Götter, Tiere, Frauen) bildlich zu gestalten und mitteilbar zu machen. Die bildnerische Tätigkeit ist deshalb von den ersten uns bekannten Anfängen, nämlich den Zeichnungen der prähistorischen Höhlenbewohner an, auf die Darstellung der real gesehenen oder geistig erkannten Welt gerichtet. Ihre Ausdrucksmittel, Farben und Formen bestehen nicht für sich, als vom Gegenstand abgesonderte Gebilde wie es amorphe Farbflecken oder geometrische Figuren wären, sondern als Bestandteile der dargestellten Dinge.
Trotz verschiedenartigster Gestaltung ist das visionäre Kunstschaffen aller Völker und aller Zeiten ausnahmslos gegenständlich und nicht abstrakt. Der Gegenstand wird auf sehr unterschiedliche Art dargestellt und oft haben die Bildwerke nur eine entfernte Ähnlichkeit mit der Realität. So konnte die Ansicht aufkommen, die Künstler hätten sich auch abstrakter Formen als Ausdrucksmittel bedient. Es wurde übersehen, dass der visionär Schaffende auch dann bestrebt ist, Menschen, Dinge und Phantasiewesen darzustellen, wenn ihnen keine realen Vorbilder entsprechen oder wenn das farbliche Können nicht ausreicht, sie darzustellen. Es wurde nicht beachtet, dass die Zielsetzung eine völlig andere ist, wenn der Kunstschaffende Dinge, die vor seinem geistigen Auge erscheinen, bildlich darzustellen sucht, als wenn er abstrakte Formen zusammenstellt und gegeneinander abwägt.
Ganz anderen Ursprungs als die visionäre, ist die dekorative oder angewandte Kunst. Jeder der Begriffe "dekorative, angewandte oder formale Kunst, Ornamentik oder Kunstgewerbe" bezeichnet nur teilweise das Wesen dieses gleichzeitig mit visionärer Kunst entwickelten und oft mit ihr verflochtenen Kunstschaffens, dessen Eigentümlichkeit das Gebundensein an einen Gebrauchsgegenstand oder an eine architektonische Gegebenheit ist. Angewandte Kunst entsteht aus dem ästhetischen Bedürfnis, Gebrauchsgegenstände wie Waffen, Kleidungsstücke oder Hausgeräte zu formen, zu verschönern oder sie mit symbolischen Zeichen zu versehen. Sie werden mit Ornamenten verziert oder in dem ästhetischen Bedürfnis des Künstlers und ihrem Zweck entsprechender Gestalt geformt, wie Schmuck, Töpferei und Glaswaren.
Ebenso wurde die Architektur, insbesondere die kultischen und repräsentativen Zwecken dienenden Räume, mit gemalten oder plastischen Ornamenten ausgestattet und die Räumlichkeiten ihrem Verwendungszweck entsprechend gestaltet. Abstrakte Formen und Farben erscheinen deshalb immer nur in Verbindung mit dem Gebrauchsgegenstand oder Bau, den sie verzieren und gestalten. Sie werden außerdem als symbolische Zeichen dekorativ verwendet, z.B. wenn ein Jäger für jedes erlegte Wild eine Kerbe in seine Waffe schnitzt.
| Visionäre und angewandte Kunst und die Begriffe, die sich darauf beziehen, sind somit wesensverschieden. Der Begriff "schön" hat eine andere Bedeutung, wenn er sich auf eine Landschaft Mompers, als wenn er sich auf eine Delfter Vase bezieht. |
Im ersten Beispiel bezeichnet er den gelungenen Ausdruck visionären Erkennens, im zweiten, die ästhetisch und praktisch befriedigende Form und Verzierung eines Gebrauchsgegenstandes.
| Mit der Unterscheidung von visionärer und dekorativer Kunst ist keinerlei Wertung verbunden. Eine solche wäre nur zwischen gleichartigen, nicht aber zwischen wesensverschiedenen Objekten möglich. |
Beide Kunstgattungen haben hervorragende Werke aufzuweisen. Wie wollte man z.B. entscheiden, ob eine archaische Kore oder eine frühgriechische Vase des geometrischen Stils wertvoller sei?
| Wenn der Begriff "Kunst" als Ausdruck transzendenten Erkennens definiert wird, dürfte er, streng genommen, nur für visionäre Kunst, nicht aber zur Bezeichnung einer angewandten Kunst verwendet werden. Wenn hier trotzdem von ,dekorativer Kunst und Ornamentik‘ gesprochen wird, sollte das jedoch über den grundsätzlichen Unterschied zwischen diesen Äußerungen des menschlichen Geistes nicht hinwegtäuschen. Sie haben einen anderen Ursprung und eine andere Zielsetzung, sie beanspruchen verschiedene Geisteskräfte und erzeugen prinzipiell verschiedene Ausdrucksformen. |
| Der grundlegende Unterschied zwischen visionärer und dekorativer Kunst wurde von Kunsttheoretikern oft übersehen, weil beide sich am gleichen Objekt äußern können und weil sie die gleichen Ausdrucksmittel Ton, Stein, Farben benützen. Der Unterschied zwischen visionärer und dekorativer Kunst ist kein quantitativer, wie oft gesagt wird, sondern ein fundamentaler. |
Vergleichen wir z.B. die Arbeit eines Töpfers mit jener eines Rembrandts: Der Töpfer formt einen Krug, in dem Bestreben, ihm ein ästhetisch befriedigendes Aussehen und eine seinem Zweck entsprechende Form zu geben. Je nach der Menge Flüssigkeit, die der Krug enthalten soll, gibt er ihm eine bauchigere oder schlankere Form. Um ihm Standfestigkeit zu geben, versieht er ihn mit einem breiten Fuß, um die auszugießende Flüssigkeit einzuschränken, mit einem schmalen Hals und um den Strahl regeln zu können, mit einem Schnabel. Er fügt einen leicht greifbaren Henkel hinzu, der sich dem Schwung des Kruges harmonisch anpasst. Nachdem er den Ton gebrannt und zusammenpassende Farben für die Glasur ausgesucht hat, bemalt er ihn mit Ornamenten, die er nicht etwa kreuz und quer, sondern der Form des Kruges und sie hervorhebend, nach seinem geschmacklichen Ermessen anbringt.
Das Wirken Rembrandts ist ein ganz anderes: Kein praktischer Zweck leitet ihn und sein Geschmack ist unbeteiligt. Er wählt nicht Farben, die zusammenpassen, sondern solche, die der Darstellung seiner Vision dienlich sind, ja, er wählt sie überhaupt nicht (denn das wäre ein Willensakt), sondern seine Vision selbst bestimmt, welche Farben zu ihrer Darstellung erforderlich sind. Sein Werk ist vollendet, wenn sein Phantasiebild dargestellt, seine Vision mitteilbar geworden ist.
| Visionäre Kunst besteht für sich, als Ausdruck transzendenten Schauens, angewandte Kunst nur zusammen mit einem Gebrauchsgegenstand oder Gebäude, dem sie dient und an dessen Verwendungszweck sie gebunden bleibt. |
Das Produkt visionärer Kunst ist Ausdruck, dasjenige angewandeter Kunst Augenweide und praktische Brauchbarkeit. Die Fähigkeit, visionär zu schaffen, erfordert Phantasie*), diejenige, formal zu gestalten, Einbildungskraft*).
| Der visionäre Künstler will transzendente Erkenntnisse mitteilen, der dekorative zweckmäßig formen und ästhetisch gefallen. Ersterer ist bestrebt, die Vielgestaltigkeit der Erscheinungswelt intuitiv zu erfassen und zu durchdringen, letzterer bedient sich ihrer um sie formal zu verwerten. Die Ausdrucksform visionärer Kunst ist gegenständlich, die Urform dekorativer Kunst abstrakt. |
*) vgl. Definitionen.
| Da abstrakte Formen und Farben nur als Ornament oder zur Formung von Gebrauchsgegenständen oder am Bau angebracht sind, visionäre Kunst aber immer mit der Darstellung von Gegenständen, Gestalten, Landschaften verbunden bleibt, ist abstrakte Form und Farbe ohne Gebrauchsgegenstand ebenso unsinnig, wie visionäre Kunst, die nichts darstellt. |
Abstrakte Formen und Farben sind auch dann für dekorative Kunst kennzeichnend, wenn gegenständliche Formen im Ornament verwendet werden, denn diese müssen, um sich den Gegebenheiten des Objekts anzupassen, abstrakten Formen angenähert werden. Das geschieht durch Vereinfachung, Stilisierung und Geometrisierung der natürlichen Formen. Sie werden abstrakten Formen dadurch soweit angeglichen wie die ornamentalen Belange es erfordern. Herrscht der dekorative Zweck vor, so kann die Stilisierung soweit gehen, dass die natürliche Gestalt der Dinge kaum noch erkennbar ist. Die romanischen Kapitelle (z.B. des Kreuzganges in Monreale) (Abb. %) mit ihrer Vielfalt von stark stilisierten, ineinander verschlungenen Tier und Menschenleibern, Blättern, Früchten, Ranken, Fratzen und geometrischen Formen, die sich fest zu einem einheitlichen Block zusammenfügen, sind ein Beispiel dafür wie gegenständliche Formen abgewandelt werden, um sie für dekorative Zwecke verwendbar zu machen.
Geometrisierung und Stilisierung der Form deuten immer auf eine dekorative Grundhaltung des Künstlers. Die Vereinfachung der Formgebung kann jedoch auch auf eine symbolische Zeichensprache zurückgeführt werden, z.B. die Spitzbögen gotischer Dome, die das Aufstreben zu Gott symbolisieren.
| Wird naturalistische Darstellung zu dekorativen Zwecken verwendet, ohne sie abstrakten Formen anzugleichen, so entsteht Kitsch. Ebenso, wenn mit abstrakten Formen ein visionäres Kunstwerk vorgetäuscht wird. |
Brüllende Kühe als Milchkännchen, liegende Psychen als Briefbeschwerer und Gartenzwerge sind ebenso kitschig wie Mondrian-Quadrate und Calder-Mobiles. Nur die Bewertung solcher Produkte wechselt je nach der vorherrschenden Tendenz. Mit dem "Pop Art Stil", der sich nicht begnügte natürliche Formen dekorativ zu verwenden, ohne sie den ornamentalen Gegebenheiten anzupassen wie es im Jugendstil geschah, sondern der den realen Gegenstand selbst zum Kunstwerk erhob, ist die höchste Stufe der Begriffsverwirrung erklommen und zugleich die krasseste Form von Kitsch geschaffen worden. (Die Anfänge dieser Kunstverhöhnung gehen auf Marcel Duchamp zurück, der schon im Jahre 1914 einen Flaschentrockner als Kunstwerk ausstellte).
Bei der Beurteilung von Kunstwerken sollte also nicht vergessen werden, dass der Wunsch, visionärem Erleben Ausdruck zu geben und die ästhetische Freude, Gebrauchsgegenstände zu formen und zu verzieren, verschiedenen geistigen Bedürfnissen entsprechen, die beide von Anfang an zu unterschiedlichen Formen führten, die ästhetischen und zweckgebundenen zu abstrakten, die visionären zu gegenständlichen.
Die Steinzeitmenschen verzierten ihre Waffen mit abstrakten Formen, während sie die Felsen, ohne jede dekorative Absicht, mit Darstellungen von Tieren und Menschen bedeckten. Die Villanova-Kultur in Italien erzeugte sowohl mit groben geometrischen Ornamenten verzierte Keramik als auch unbeholfene Tonnachbildungen des menschlichen Körpers. In der griechischen und etruskischen Keramik herrschte anfänglich der geometrische Stil vor. Später entstanden die archaischen Apollofiguren und die Plastiken des etruskischen Totenkultes während das abstrakte Ornament, obgleich mit stilisierten Figuren bereichert, in der Keramik noch lange beibehalten wurde.
Im Kapitel über die Verflechtung visionärer und dekorativer Kunst wird gezeigt, dass große Kunstwerke entstanden solange die Urformen beider Prinzipien – die abstrakte für das Ornament, die gegenständliche für visionäre Kunst – unterschieden wurden, selbst wenn beide am gleichen Objekt erschienen. Ferner soll aufgezeigt werden, dass es eine Dekadenzerscheinung künstlerisch verwirrter Kulturepochen ist, wenn diese Urformen nicht auseinandergehalten oder willkürlich ausgewechselt werden.
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