1.5 Die Ausdrucksform
© Egon von Vietinghoff-Stiftung
Die Ausdrucksform ist inhärenter Bestandteil der künstlerischen Vorstellung selbst. Diese ist ohne Ausdrucksform undenkbar, denn nur indem sie in eine bestimmte Ausdrucksform gekleidet ins Bewusstsein tritt, wird sie zur Vorstellung. Der Komponist hört seine musikalische Idee in seinem geistigen Ohr, wie der Maler seine Vision vor seinem inneren Auge sieht. Dieses innere Hören und Sehen ist künstlerische Vorstellung und damit schon Formgebung.
Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, es gäbe formlose Vorstufen künstlerischen Schaffens. Sie sollen in untergründigen Vorgängen bestehen, die noch keine Form gefunden haben und im Geiste des Künstlers nach Ausdruck drängen.
| Ein Erlebnis liegt entweder unterhalb der Bewusstseinsschwelle, dann ist es ein psychisches und kein künstlerisches Phänomen oder es hat seinen Ausdruck als künstlerische Vorstellung und damit auch seine Form gefunden. |
Selbst der undeutlichste Anfang dichterischen Ausdrucks zeigt sich in Worten, das verschwommenste Phantasiebild des Malers in Farben und Formen und das primitivste Fragment jeder musikalischen Idee ist schon eine Tonfolge. Die Aufwallung eines lyrischen Gefühls, eine elegische Stimmung oder ein schöpferischer Drang sind keinesfalls als Anfang oder Vorstufe künstlerischen Ausdrucks zu werten. Sie können ihn bestenfalls veranlassen, tun es aber meistens nicht, sondern verflüchtigen sich wie wesenloser Spuk. Der künstlerische Ausdruck beginnt, wenn fertige Vorstellungen oder Vorstellungsfragmente dem Künstler aus heiterem Himmel und scheinbar ohne psychischen Anlass, "einfallen".
Ebenso irrig ist die Meinung, es läge im freien Ermessen eines begabten Künstlers, seine Ausdrucksform zu wählen, seine schöpferischen Impulse also in musikalische oder dichterische oder malerische Form zu fassen. Da die künstlerische Tätigkeit erst mit entstehender Vorstellung beginnt und diese nur in einer bestimmten Form erscheint, ist damit der Ausdruck schon entweder als ein musikalischer oder als ein dichterischer oder als ein malerischer festgelegt. Die vielfachen Interessen Leonardo da Vincis, Festungs-, Kanonen- und Flugzeugbau, seine anatomischen und medizinischen Studien, manifestierten sich, wie aus seinen Zeichnungen hervorgeht, sämtlich in den visuellen Ausdrucksformen des bildenden Künstlers. Und wenn Michelangelo auch dichtete, so zeigt das nur, dass sein Geist neben visuellen Vorstellungen auch dichterische erzeugte.
Künstlerische Vorstellungen ohne Form gibt es nicht, doch können mehrere Ausdrucksformen zugleich auftreten und sich verbinden. Dies ist z.B. in der Choreographie der Fall. Hier verbinden sich visuelle, kinetisch-tänzerische und musikalische Vorstellungen. Dasselbe gilt auch für die Oper, in der sich musikalische, dichterische und mimische Vorstellungen gleichermaßen manifestieren.
Gewöhnlich haben die einzelnen Ausdrucksformen solcher Werke nicht einmal den gleichen Autor oder werden von ihm getrennt entwickelt. So entsteht z.B. das Lied, diese innigste Verbindung musikalischen und dichterischen Ausdrucks meistens indem Melodien zu einem schon bestehenden Text komponiert werden. Ebenso haben die Libretti der Opern, die Illustrationen literarischer Werke, die Wandmalereien in architektonischen Räumen nur ausnahmsweise den gleichen Autor.
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