1.4 Kunst aus psychologischer Sicht
© Egon von Vietinghoff-Stiftung
Wenn Kunst von psychologischer Seite angegangen wird, ist sie beträchtlichen Missverständnissen ausgesetzt. Der Psychologe sieht im Kunstwerk lediglich die Projektion seelischer Vorgänge, ein grundsätzlicher Irrtum, der eine verfehlte Auffassung vom Wesen der Kunst zur Folge hat (Arnold Hauser: Methoden moderner Kunstbetrachtung, C. H. Beck, 5. 79: "Das Kunstwerk als Dokument von seelischen und persönlichen Interessen zu betrachten ist reiner Psychologismus").
Für Freud ist Kunstschaffen Ausdruck einer seelischen Konfliktsituation, die Flucht aus einer nicht beherrschten Wirklichkeit in eine fiktive Welt der Phantasie und Illusion, eine Ersatzbefriedigung für ungelöste persönliche Probleme, ein Abwehrmechanismus, um unbewältigten Schwierigkeiten auszuweichen. Kunst, das Produkt einer Neurose also! Ein Narkotikum für erkrankte Psychen! Verkehrter lässt sich das Phänomen Kunst wohl kaum darstellen. Ein Blick auf die seelische Problemlosigkeit vieler bedeutenden Künstler hätte genügt, die Unhaltbarkeit dieser Thesen auch demjenigen aufzuzeigen, der von Kunst keine Ahnung hat. Wenn einige Künstler sich ihrer Umgebung schwer anpassten, so war es wohl weniger wegen "unbewältigten Schwierigkeiten" als aus dem Verzicht heraus, sich in die Mittelmäßigkeit ihrer Mitbürger einzufügen. Leider hat das seit Freud um sich greifende Interesse für Psychologie zur Verbreitung psychologistischer Kunsttheorien geführt und viel zur Verfälschung des spontanen, natürlichen Kunstsinnes beigetragen.
Die Wirklichkeit Freuds ist die Realität des Alltags, die sich innerhalb der Grenzen unserer Erfahrung auf physischer und psychischer Ebene abspielt, die Wirklichkeit des Künstlers hingegen, hat mit psychischen Gegebenheiten nichts zu tun und liegt jenseits der Erfahrung. Nicht ,Angst vor der Realität‘ treibt den Kunstschaffenden, sondern der Wunsch die Grenzen des rationalen Bewusstseins zu durchbrechen, um mit dem Wesen der Dinge in unmittelbaren Kontakt zu treten. Nicht Lebensangst, sondern Genuss an transzendenter Einsicht beflügelt ihn (Andre Maurois, Journal Etats Unis 1946, Edition du bateau, B 165. Proust ... est à la recherche d‘une vérité sous-jacente, cachée derrière les apparences que l‘écrivain apprehende par contemplation et transmet au lecteur par des images ... la desillusion progressive qu‘apporte cette réalité ... et la conclusion que la seule réalité est celle de l‘art ... Le bonheur est dans l‘appréhension d‘un absolu.).
Was Freud "eine fiktive Welt der Phantasie und Illusion" nennt, ,in die sich der Künstler flüchtet‘ ist im Gegenteil die innere Wirklichkeit, die sich – unserem Verstand unzugänglich – hinter der Welt der Erscheinung verbirgt und die der Künstler intuitiv zu erkennen unternimmt. Er macht an der Schwelle, welche die psychischen von geistigen Zusammenhängen trennt, nicht halt. Er überschreitet sie und erst mit dem Überschreiten dieser Schwelle wird er zum Künstler. Zur Zeit besteht eine bedauerliche Neigung, das Psychische mit dem Geistigen zu verwechseln (Gerald Heard).
Persönliche Probleme können zwar ein Anlass zum Kunstschaffen sein oder den Impuls dazu abgeben, wie der Werther von Goethe zeigt, aber sie bleiben lediglich thematisches Material, mit dem sich der Künstler befasst und haben mit seiner Fähigkeit, sie geistig zu durchdringen und in ein Kunstwerk zu verwandeln, nichts zu tun. Der christliche Glaube Grünewalds mag bei der Entstehung seiner Werke Pate gestanden sein – erzeugt wurden sie von seiner künstlerischen Intuition. Kunst fängt da an, wo die persönliche Motivierung aufhört und intuitives Erkennen einsetzt. Ohne diesen Schritt von subjektiver Kreation zu transzendentem Erkennen entsteht kein Kunstwerk und dieses ist genau soviel wert, wie es frei von persönlicher Problematik ist. Der Rest ist Unkunst oder Pseudokunst.
Flaubert kannte die Gefahr persönlicher Anteilnahme und wählte mit seiner "Madame Bovary" bewusst ein Thema, das ihm nicht zusagte. Die Gebilde von Psychopaten und Irren sind eine Fundgrube für Psychiater, aber ebenso wenig Kunstwerke, wie Traumbilder und Archetypen, denn ihr Ursprung ist psychischer, nicht geistiger Art. Sie sind subjektiv gegeben und nicht, wie das echte Kunstwerk, Ausdruck objektiven Erkennens. Goethe schrieb den Werther vielleicht um sein Leid "von der Seele zu schreiben", aber er schrieb als das Werthererlebnis Jahre zurücklag und nur noch der Gegenstand war, auf den er sein einfühlendes Erkennen lenkte.
Die psychologische Terminologie ist auf Kunst nicht anwendbar. Der Künstler schöpft seine Erkenntnisse weder aus dem persönlichen Unterbewusstsein noch aus einem "kollektiven Unbewussten", wie Jung meint (C. G. Jung: Der Mensch und seine Symbole, Walter-Verlag, Olten und Freiburg i/Br.) und produziert weder Traumbilder noch Symbole, sondern verdankt seine Erkenntnisse einem erweiterten, verschärften und vertieften Bewusstsein, das man allenfalls mit Überbewusstsein bezeichnen könnte.
Irgend etwas, ein plötzlicher Gedanke, ein Erlebnis, eine optische Wahrnehmung, eine Erregung, politische Parteinahme, ein geschichtliches Ereignis oder eine menschliche Tragödie können eine künstlerische Vision veranlassen, aber niemals erzeugen. Oft entzündet sich der künstlerische Funke an zufälligen, belanglosen Gegebenheiten, die einer normalen Aufmerksamkeit entgehen, dem Künstler aber eine Welt eröffnen, die weder psychisch erlebt, noch rational erfasst wird. Die künstlerische Erkenntnis entzieht sich jeder kausalen Erklärung. Sie entspringt, wie Athene dem Kopf Jupiters (Hauser: 5. 97/8:
Gewisse an- und für sich unergründliche und unerklärbare Elemente . Entging es den Psychologen, dass es neben psychoanalytisch weidlich ausgeschlachteten Kunstwerken, wie der "Heiligen Familie" von Leonardo da Vinci im Louvre, auch hervorragende Werke, Landschaften, Stilleben gibt, über die mit bestem Willen keine psychologischen Abhandlungen geschrieben werden können?
Am Beispiel der Symbole lässt sich ermessen, welche Kluft Kunst und Psychologie trennt. Symbole sind Ausdrucksformen der Psyche, können sich aber, schon ihrer geringen Anzahl und ihrer Formenarmut wegen, mit der unbegrenzten Vielfalt, der Differenziertheit und dem Formenreichtum des künstlerischen Ausdrucks nicht messen. Dem Psychiater sind Symbole bedeutsam, weil sie seelische Zustände kennzeichnen und über psychische Konflikte Aufschluss geben. Für den Künstler hingegen sind Symbole an und für sich völlig bedeutungslos. Der bildende Künstler kann sie als Figuren einer erfundenen, bestellten oder gesehenen szenischen Darstellung verwenden, doch werden ihm diese Figuren erst dann bedeutsam, wenn sie sich als Gegenstände und damit als Symbole, auflösen und ihre Formen und Farben in eine nur intuitiv erkennbare und keinesfalls erklärbare Synthese eingehen. Ebenso erkennen Dichter und Dramatiker innere Zusammenhänge von Dingen und Menschen, die weit über ihre psychologische Bedeutung hinausgehen und um die Musik wäre es schlecht bestellt, wenn sie sich auf den Ausdruck seelischer Zustände beschränken müsste.
Daraus folgt, dass die Beurteilung von Kunstwerken, die von psychologischen Erwägungen ausgeht oder im Kunstwerk einen psychologischen Ausgangspunkt annimmt, immer hoffnungslos abwegig ist. Es ist kein geringerer Irrtum, seelische Vorgänge mit der geistigen Tätigkeit intuitiven Erkennens zu verwechseln, als z.B. die Verdauungstätigkeit mit jener des Intellektes gleichzusetzen.
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