1.1 Intuition, Eingebung, Inspiration, Phantasie, Einbildungskraft, Vision

© Egon von Vietinghoff-Stiftung

 

Unser von Naturwissenschaften und gesundem Menschenverstand geprägtes Weltbild ist unvollständig. Es zeigt uns eine den Fähigkeiten unseres Verstandes angepasste Realität, die sich mit der kosmischen Wirklichkeit nicht deckt, uns vielmehr nur einen Ausschnitt, einen Schatten, ein Teilstück, ja eine Täuschung jener Wirklichkeit wahrnehmen lässt.

Schon die ersten Menschen erahnten, dass es jenseits der physischen Realität eine andere Welt gibt und die äußere Erscheinung der Dinge einen Wesenskern enthält, der nicht mit Worten beschrieben, nicht mit Händen gefasst und nur bildhaft ausgedrückt werden kann. Ihr Glaube an Götter, Dämonen und Geister bezeugt es und das Mysterium, das diese Mächte umgab, war selbstverständlicher Bestandteil ihrer Weltanschauung. Sie bauten ihn in die Dogmen ihrer Religionen ein und drückten es in ihren Kunstwerken aus.

Seit etwa zwei Jahrhunderten wird der Glaube an metaphysische Mächte fortschreitend durch den Glauben an die Vernunft ersetzt und jedes Bekenntnis zu irrationalen Kräften als Aberglaube und Hirngespinst abgetan. Unseren, auf ihre naturwissenschaftlichen Erfolge stolzen, Generationen fällt es schwer anzunehmen, dass es Vorgänge gibt, die rational nicht erklärbar sind. Sie meinen, mit immer differenzierteren Forschungsmethoden könnten mit der Zeit alle Geheimnisse gelüftet und die Wissensgebiete derart erweitert werden, dass schließlich nichts unerklärt bliebe. Beispiele, die diese Meinung unterstützen, gibt es viele: Donner und Blitz wurden, bevor ihre physikalischen Ursachen bekannt waren, Zornesausbrüchen der Götter zugeschrieben, Krankheiten, deren Erreger noch nicht bekannt waren, zeugten von Besessenheit durch Dämonen und Pestepidemien wurden als Strafgerichte Gottes angesehen. Obgleich Philosophen, Mystiker, Dichter u. a. die Begrenztheit unseres Wahrnehmungsvermögens kannten und Übersinnliches in ihr Weltbild einbezogen (vgl. Platons Höhlengleichnis), verbreitete sich der Glaube an die Allmacht des Verstandes zunehmend.

Die Vernunft usurpierte den Thron, welcher der Intuition zustand. Die einseitige Herrschaft der Vernunft gab den Naturwissenschaften und durch sie der Technik raschen Auftrieb während der Mensch geistig verarmte, seelisch erkrankte und die Kunst zu einer intellektuellen oder ästhetischen Spielerei verkümmerte.

Der Verdienst des ratiogläubigen 19. und 20. Jahrhunderts ist es, mit Aberglauben aufgeräumt und die Kenntnis der materiellen Welt vorangetrieben zu haben ihr Fehler jedoch, wissenschaftliche Denkmethoden auf dafür ungeeignete Gebiete angewandt und die Augen gegenüber dem vom Verstand nicht Erfassbaren verschlossen zu haben. Es gibt jedoch Phänomene, die sich dem Zugriff der Logik entziehen. Bemühungen ihnen verstandesmäßig beizukommen, bleiben aussichtslose Versuche. Wissenschaftliche Methoden, die von einem irrationalen Vorgang hinterlassene materielle Spur über die Reihe ihrer Ursachen zurückzuverfolgen, scheitern, weil die Urursache auf diese Weise nie begreifbar wird.

Theologische und psychologische Hypothesen, bleiben Konstruktionen, die keinen Anspruch erheben sollten, die Vielfalt irrationalen Geschehens vollständig ergründen zu können, auch wenn ihnen oft ein Wahrheitsgehalt innewohnt. Erklärbar werden auch in Zukunft selbst mit verfeinertsten Forschungsmethoden und selbst mit dem fortschrittlichsten technischen Instrumentarium nur jene Phänomene sein, die unsere Sinne und unser Verstand erfassen können, während das Transzendente, d. h. außerhalb der Erfahrung Bestehende, immer unerklärt bleiben wird.

Da wir eine transzendente Welt erahnen und zeitweise Einsicht in sie haben, muss es eine Fähigkeit des menschlichen Geistes geben, welche die Wahrnehmung der irrationalen, der absoluten Wirklichkeit ermöglicht, muss es einen "sechsten Sinn" geben, durch den wir erkennen, was außerhalb unseres beschränkten Weltbildes ist.

Wenn Pythagoras sphärische Musik hörte und wiederzugeben trachtete, wenn Franz von Assisi Gott erschien oder Rembrandt den inneren Rhythmus von Farben und Formen erschaute, wenn Verliebten der Partner als Engel erscheint, aber auch, wenn Seher Geschehnisse voraussagen oder Vorgänge beschreiben, die zeitlich weit zurückliegen oder noch nicht eingetreten sind, wenn Naturvölker sogenannte instinktive, völlig unerklärliche Handlungen begehen, wenn Aldous Huxley im Meskalinrausch eine transzendente Verwandlung der Dinge der sichtbaren Umwelt feststellt, ist dieser "sechste Sinn" wirksam.

Dieser "sechste Sinn" ist die Intuition, die in ihrer künstlerischen Steigerung zur Inspiration und Eingebung führt und deren Organ hier Phantasie genannt wird. Mit Phantasie ist aber nicht jene sich in dunstiger Unwirklichkeit bewegende Träumerei gemeint, mit der es üblich ist, das Kunstschaffen zu behaften, vielmehr soll damit das scharfsinnigste und weitreichendste Instrument des menschlichen Geistes überhaupt, nämlich die Fähigkeit zu transzendentem Wahrnehmen bezeichnet werden.

Fichte sagt Phantasie sei das schöpferische Grundprinzip des gesamten geistigen Lebens und Froschammer nennt sie den metaphysischen Grundbegriff.

Doch darf die Phantasie, die als künstlerische Intuition empfangenden Charakter hat, nicht mit der ganz anders gearteten Einbildungskraft verwechselt werden. Die Worte "schöpferisch" und "metaphysisch" sind als Attribute der künstlerischen Intuition ungeeignet, denn der bildende Künstler "schöpft" seine Erkenntnisse nicht, sondern sie fallen ihm zu und sie betreffen nicht nur die metaphysische Seite der Natur, sondern schließen die sinnfällige Welt mit ein. Der bildende Künstler erlebt und erkennt die Metaphysik der Welt durch ihre Sinnfälligkeit.

Das Wort "wahrnehmen" wird meist als ein optischer, akustischer oder gedanklicher Vorgang gewertet und die ,Idee‘ Platos intellektualisiert indem übersehen wird, dass %%  außer Idee, Urbild, auch Aussehen, Gestalt heißt und %% erblicken, innewerden, erkennen wahrnehmen bedeutet.

Der Verstand engt unser Wahrnehmungsvermögen und damit unsere Beziehung zum Wesen der Dinge ein, denn er lässt sie uns nur innerhalb seiner a priori gegebenen Formen Zeit, Raum, Kausalität erkennen. Die Phantasie durchbricht diese Schranken, so dass wir mit dem zeitlosen Kosmos, mit Kants "Ding an sich" in unmittelbare Beziehung treten können (Kant: Die Kritik der reinen Vernunft).

Da die Fähigkeit des menschlichen Geistes, die hier als "Phantasie" bezeichnet wird, intuitiv d. h. auf eine der Vernunft nicht zugänglichen Weise wirksam ist, wäre es naheliegend, diese Fähigkeit "Intuition" zu nennen. Doch gibt es sehr verschiedene Intuitionen: das Offenbarungserlebnis des Mystikers, der geschmacklich bedingte Einfall eines Modeschöpfers, der spontane Einfall des Wissenschaftlers, der Handlungsimpuls einer Mutter zu ihrem gefährdeten Kind, das instinktsichere Verhalten des Naturmenschen sind intuitiv bedingt ohne aber künstlerische Erkenntnisse zu vermitteln. Intuition kann sich auf geistige, psychische, ästhetische oder praktische Erkenntnisse beziehen, die Intuition wie sie hier gemeint ist jedoch nur auf geistige.

Im Unterschied zu religiösen oder philosophischen Erkenntnissen bezieht sich die hier definierte Intuition auf sinnfällige Wahrnehmungen. Künstlerische Erkenntnisse sind solche, welche uns die Phantasie aus dem Jenseits der Erscheinungswelt vermittelt. Als intuitiv visuelle Wahrnehmungen werden sie hier Visionen genannt.

Sie können sowohl im Geiste, als auch durch die Anschauung realer Dinge entstehen. Visionäre Augen sehen vermittels der Dinge was jenseits der optischen und rational erfassbaren Erscheinung ist. Anaxagoras sagt: "Das Sichtbare der Welt öffnet uns die Schau ins Unsichtbare".

Die Gnosis, griechisch %% Einsicht, Erkenntnis und %%, entspricht auf metaphysisch-religiösem Gebiet der künstlerischen Erkenntnis. Der Künstler kennt den Konflikt, der Gnostiker und Agnostiker trennte, aus eigener Erfahrung, denn jede Stunde der Eingebung beweist ihm, dass der Zugang zum Absoluten möglich ist, und jede unfruchtbare Stunde zeigt ihm, dass es sich dem Zugriff des Verstandes entzieht.

Nicht jede visuelle Vorstellung ist als eine künstlerische anzusprechen. Traumbilder, die in schlafendem oder wachem Zustand entstehen oder Zeichnungen von Geisteskranken sind Projektionen des psychischen Unterbewusstseins. Sie vermitteln Einblick in die Psyche des Träumers, nicht aber in den metaphysischen Kosmos.

Ein wesentlicher Unterschied besteht zwischen den Wahrnehmungen der Phantasie und jenen, welche die Einbildungskraft erzeugt. Demokrit unterschied zwischen "unechter Erkenntnis", d. h. die auf subjektiver Sinneswahrnehmung begründete Erkenntnis des gesunden Menschenverstands, von der "echten Erkenntnis", welche uns ein feineres Organ, die Intuition, vermittelt. Die Phantasie ist, im Gegensatz zu dieser, vom persönlichen Willen durchaus unabhängig. Sie duldet keine seiner Einmischungen und er ist ihr ärgster Feind. Eine erhöhte künstlerische Schöpfungstätigkeit auch Inspiration oder Eingebung - genannt setzt sogar voraus, dass der persönliche Wille ausgeschaltet ist.

Künstler, die sich über ihr Verhalten in Augenblicken der Eingebung äußerten, erklären übereinstimmend, ihr Wille sei dabei unbeteiligt. Sie fühlen sich als ausführendes Werkzeug einer irrationalen Kraft, die den verstandesmäßigen Willen abgelöst hat.

(vgl. u.a. Arthur M. Abell: Talks with great composers. Philisophical Library, New York 16, N.Y.).

Im Gegensatz zur Phantasie ist die Einbildungskraft die Fähigkeit, sich Dinge willentlich vorzustellen. Sie bildet auch Vorstellungen, die aber von denen der Phantasie sehr verschieden sind. Sie sind zu wissenschaftlichen und praktischen Zwecken sowie als Vorwurf für die Tätigkeit der Phantasie brauchbar. Das Phantasiebild, das einem Künstler erscheint einerseits und die ebenfalls visuelle Vorstellung, die wir uns etwa von einem Kolbenmotor machen können anderseits, illustrieren die Verschiedenheit der beiden Vorstellungsgaben. Die künstlerische Vorstellung entsteht ohne unser Zutun, die andere ist beabsichtigt oder gewollt, erstere wird uns eingegeben, die zweite durch die Einbildungskraft konstruiert oder durch gedankliche Erinnerung im Gedächtnis wachgerufen.

Da die Phantasie nur bei den allerbegnadetsten Künstlern nie aussetzt, wird sie sehr oft durch Einbildungskraft ersetzt.

Jeder schaffende Künstler kennt die mühsamen und fruchtlosen Versuche, sein Werk weiterzubringen, indem er seinen Willen und seine Einbildungskraft vergeblich anstrengt, bis ihm plötzlich meistens gerade dann, wenn er an seinem Werk verzweifelt oder nachdem er sich einige Zeit nicht mehr damit befasste der richtige Ausdruck als selbstverständliche Lösung ,eingegeben‘ wird. Durch den Einsatz seines Willens verdrängte er die Phantasie und erst, als er ohne Absicht wieder ans Werk herantrat, konnte sie, von den Fesseln des Willens befreit, wieder wirksam werden.

Ein Künstler, der seine Ausdrucksform "sucht", der mit der Gestaltung seines Werkes "ringt" oder gar mit ihr "experimentiert" zeigt, dass ihn sein Genius, wenn auch nur vorübergehend, verließ, denn die Phantasie lässt nicht mit sich ringen, sie fließt oder schweigt.

Es gibt viele Parallelen zum Einfall des Wissenschaftlers. So soll Kepler sein Leben lang an seiner Intuition der elliptischen Bahnen der Sterne gerechnet haben ohne zu einem befriedigendem Resultat zu kommen. Erst als er im Alter den Rechenfehler entdeckte, konnte er seine Jugendintuition bestätigen.

Hier muss betont werden, dass der Wille die Tätigkeit der Phantasie und damit die Entstehung der Vision zwar behindert, jedoch höchst erforderlich ist, um die Kenntnisse zu erlangen, die es ermöglichen, das Phantasiebild darzustellen. Auch grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse entstanden intuitiv, hätten aber  wie in der Kunst ohne die vorbereitende Kleinarbeit des Verstandes nicht gemacht werden können.

Obgleich die Einbildungskraft keine künstlerischen Vorstellungen abgibt, ist ihr Beitrag deshalb bei der Entstehung von Kunstwerken nicht zu unterschätzen. Ihre Vorstellungen können der Phantasie als Anlass dienen, sich zu betätigen. Wichtig für den künstlerischen Gehalt des Werkes ist, dass die Phantasie das letzte Wort hat und die Einbildungskraft lediglich als Hilfsmittel eingesetzt wird, um die Phantasie auf bestimmte Objekte zu lenken, sie auszurichten.  

So trägt in den bildenden Künsten die Anschauung der realen Erscheinung nur insofern zur Entstehung des Kunstwerkes bei, als sie dem intuitiven Erkennen ein Tätigkeitsfeld zuweist. 

Der künstlerische Akt aber beginnt erst, wenn die Phantasie sich seiner annimmt.

Poussin baute sich kleine Figuren und Bühnenmodelle, um die Verteilung von Licht und Schatten an ihnen zu studieren. Der Zeichenschüler wird dazu angehalten, sich die Form der Dinge vorzustellen, d. h. sich bewusst zu werden, wie Schatten und Licht darauf liegen, wenn sie von einer gegebenen Lichtquelle aus beleuchtet werden oder wie perspektivische Verkürzungen sie verändern. Nur Pseudokünstler sehen aber in der Wiedergabe dieser Vorstellungen oder der Nachahmung betrachteter Gegenstände das Ziel ihres Wirkens.

Echte Kunst beginnt, wo das Vorgestellte oder die reale Erscheinung durch die Phantasie erfasst zur Vision wird.

Mit ausreichender Übung lässt sich durch die Einbildungskraft alles vorstellen, von der Phantasie aber können wir nur das empfangen, was sie uns gibt. Das ist allerdings unendlich mehr als alles, was die Einbildungskraft je bieten könnte. Es ist mehr, weil die Phantasie eine bedeutend größere Fülle, Differenziertheit und Präzision der Ausdrucksformen erzeugt und weil sie allein uns Einblick gibt in das Wesen der Dinge.

Optisch gesehen oder durch die Einbildungskraft vorgestellt, ist ein Apfel ein runder Gegenstand, dessen Formen und Farben in einer räumlich erklärbaren Beziehung zu seiner Umgebung, zur Lichtquelle und zum Auge stehen; durch die Phantasie gesehen löst er sich als Gegenstand auf und wird zu einem farbigen und formalen Wunder, das uns durch seinen inneren Rhythmus eine irrationale Welt erschauen lässt, die nur intuitiv wahrgenommen werden kann. Diese Verwandlung der äußeren Erscheinung zur Vision, des optisch gesehenen oder erdachten Gegenstandes zum visionär erschauten ist das, was der künstlerische Schöpfungsakt genannt wird. Durch ihn allein entsteht Kunst. Ob und wie weit diese Metamorphose sich vollzogen hat, gibt den einzig gültigen Maßstab für den künstlerischen Gehalt des Werkes ab.

Wenn die Bilder der Phantasie sich nicht willentlich formen lassen, heißt das aber nicht, es sei dem Künstler versagt, sie zu erwecken und sie auf bestimmte Objekte zu lenken. Er gleicht in dieser Hinsicht dem Radiohörer, der einen Knopf dreht, um den Empfang einzuschalten. Ebenso kann sich der Künstler durch rein visuelle Anschauung (siehe Kapitel 5) in Empfangsbereitschaft versetzen. So wie durch die Bedienung eines zweiten Knopfes der Empfang auf einen bestimmten Sender gerichtet wird, lenkt auch der Künstler seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Gegenstände oder auf die Vorstellung, die er sich von ihnen macht. Welche Phantasiebilder dann erscheinen, kann der Künstler aber ebenso wenig voraussehen, wie der Radiohörer bestimmen kann, was im Sender erklingt. Insofern ist der Künstler für seine Vision ebenso wenig verantwortlich, wie der Radiohörer für das Sendeprogramm

Ein gelockerter und doch angespannter, willenloser und doch alle Geisteskräfte zusammenraffender Zustand ist Vorbedingung für die Empfangsbereitschaft des Künstlers. Dieser überaus wache und konzentrierte Zustand kann durch verschiedene Kunstgriffe gefördert werden. Cennino Cennini empfahl zu diesem Zweck das Gebet und Schiller soll seine Muse durch den Duft fauler Äpfel gelockt haben. Das indianische Rauschmittel Meskalin soll nach Aldous Huxley die Fähigkeit transzendenten Sehens steigern (Vgl. Aldous Huxley, "The doors of perception", dt. "Die Pforte der Wahrnehmung"). Seiner Beschreibung nach ist die Wirkung der Droge auf das visuelle Wahrnehmungsvermögen, der Inspiration des bildenden Künstlers ähnlich. Wie beim visionären Sehen, wird der zeitliche Ablauf im Meskalinrausch nicht bemerkt und die Fähigkeit transzendent wahrzunehmen nur erreicht, wenn der persönliche Wille ausgeschaltet ist. So berichtet Huxley enttäuscht, nur abstrakte Formen und Farben wären ihm erschienen als er die Augen mit der Absicht schloss, um visionär zu sehen. Die Absicht ist eine Willensäußerung; als solche erzeugt sie nur Vorstellungen der Einbildungskraft und somit hauptsächlich abstrakte Formen (siehe Kapitel 2).

Manche Künstler versuchen sich durch Kaffee oder Alkoholgenuss in den richtigen Zustand zu versetzen. Dadurch schalten sie wie Rauschgiftsüchtige ihren persönlichen Willen zwar ab, nehmen sich aber zugleich die Möglichkeit, ihre Phantasiebilder darzustellen. Unschädlicher ist die Methode jener, welche ihre Gedankentätigkeit durch Musikberieselung auszuschalten und sich dadurch in einen aufnahmebereiten Zustand zu versetzen suchen. Leonardo da Vinci soll die Mona Lisa während musikalischer Darbietung gemalt haben. Künstler, die nichts anderes tun, als auf eine Eingebung zu warten, bringen es zu nichts, weil sich die Wartezeiten endlos ausdehnen können und die Gespanntheit (Aufmerksamkeit) des Geistes dann abnimmt. Alle Hilfsmittel zur Förderung der Inspiration sind unnötig, nur beschränkt wirksam oder schädlich. Im Kapitel 5.2, über die rein visuelle Anschauung wird beschrieben wie der Maler sich durch diszipliniertes Sehen in den Zustand erhöhter Empfangsbereitschaft versetzen kann, ohne Zuflucht zu Rausch und anderen Hilfsmitteln nehmen zu müssen.

Jedes bildende Kunstwerk ist visionär, soweit es ein Produkt der Phantasie ist. Das gilt sowohl für Werke, welche durch die Anschauung realer Dinge, als auch für solche, die im Geiste entstanden sind. So sind Caravaggios, Goyas und Chardins Stilleben (siehe Abb. ¥) visionäre Werke, obgleich reale Gegenstände naturähnlich dargestellt wurden. Sie sind es, weil der reale Gegenstand weder mit dem optischen Auge des Kopisten noch mit dem nüchternen Blick der Einbildungskraft, sondern mit den Augen der Phantasie wahrgenommen wurde. Nicht das optische Auge allein war bei der Gestaltung des Werkes maßgebend. 

 

Die Vision unterscheidet sich also von der Vorstellung der Einbildungskraft, weil sie viel differenziertere Formen erzeugt als letztere, weil sie nicht absichtlich entsteht wie jene und weil sie - im Gegensatz zu den Produkten der Einbildungskraft - transzendente Wahrnehmungen vermittelt. Sie ist außerdem dadurch gekennzeichnet, dass sie ausschließlich in gegenständlicher Gestalt ins Bewusstsein tritt.

Während nämlich durch die Einbildungskraft auch abstrakte Formen und Farben, etwa ein Dreieck, ein Zylinder, eine Linie, ein amorphes Blau vorgestellt werden können, erscheinen im Phantasiebild Farben und Formen stets als integrierte Bestandteile von Gegenständen, Gestalten, Landschaften usw. Schon die einfachsten, undeutlichsten und ungeformtesten Produkte visueller Phantasie erscheinen als Gegenstände, oft nur als undeutliche, verschwommene Gegenstandsfragmente, aber nie als abstrakte Formen und Farben. Letztere können nur absichtlich, d. h. durch einen Willensakt vorgestellt werden und sind schon damit als Produkte der Einbildungskraft gekennzeichnet.

Das Geheimnis der bildenden Künste besteht nicht darin, Gegenstände mittels Farbe und Form darzustellen und auch nicht darin, Formen und Farben zu erfinden, die keine Beziehung zu Gegenständen haben, sondern darin, den inneren Rhythmus der Farben und Formen, der sich nur an Gegenständen offenbart, zu belauschen und bildlich darzustellen, den inneren Rhythmus, den wir erkennen, aber nicht erfinden oder konstruieren können.

Weder die konkrete noch die abstrakte Form und Farbe sind der Inhalt künstlerischen Schaffens, sondern die transzendente Form und Farbe. Unter abstrakten Formen und Farben sind hier immer solche gemeint, die ihre Entstehung nicht einer Gegenstandsvorstellung, sondern einer Raumgliederungsabsicht verdanken. Ursprünglich gegenständliche Bilder, deren Formen und Farben so abgewandelt wurden, dass der Gegenstand kaum noch oder nicht mehr erkennbar ist, fallen somit nicht unter den Begriff "abstrakt". Z. B. ist in einigen Bildern Turners der einzelne Gegenstand nicht mehr erkennbar, weil er ihn dem Ganzen seiner Vision opferte. Sein Ausgangspunkt war jedoch die gegenständliche Vision, wogegen z. B. Mondrian (von einem bestimmten Zeitpunkt seines Schaffens an) von abstrakten Formen wie Rechtecken und Linien ausgeht, denen er gegebenenfalls erst nachträglich eine gegenständliche Bedeutung gibt.

Um jedem Missverständnis vorzubeugen, sei erwähnt, dass ein Druck auf das Auge zwar ungewollte und doch abstrakte Formen, nämlich flimmernde Punkte und Sterne erzeugt, die aber keine Vorstellungen, sondern physische Reizerscheinungen sind. Ebenso verhält es sich mit den sogenannten Nachbildern, die durch Sukzessivkontrast im geschlossenen Auge entstehen. Auch die farblich rasch wechselnden Punkte, Kreise, Spiralen usw., die sich auf der Innenseite der geschlossenen Lidern zu bewegen scheinen, sind physikalische Phänomene. Sie zeigen sich ausschließlich im geschlossenen Auge und sind von so andersartiger Beschaffenheit als visionäre Vorstellungen, dass sie nicht mit diesen zu verwechseln sind.

Dagegen können visionäre Vorstellungen auch dann vor dem geistigen Auge auftauchen, wenn die physischen Augen offen und der Blick auf die reale Umwelt gerichtet ist, z. B. auf die leere Leinwand des Malers. Ebenso kann eine musikalische Idee vom geistigen Ohr mitten im Straßenlärm gehört werden, obgleich das physische Gehör die Laute der Umgebung registriert.

 

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