Persönliches Übersicht Egons Leben

Persönliche Erinnerungen (chronologisch)
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Alle Texte dieses Kapitels sind Notizen Egon v.Vietinghoffs in Ich-Form. Die Anführungs- und Schlusszeichen wurden deshalb weggelassen. Einige Sätze sind aus zwei unterschiedlichen Versionen zusammengefügt, die Wortwahl wurde dabei nicht verändert. (Anmerkungen und Ergänzungen der Redaktion sind in zwischen Klammern in Kursiv-Schrift zu lesen.)

Für jemanden, der keine grosse schriftstellerische Begabung hat, können selbst die packendsten Erlebnisse nur in ihren äusseren nichtssagenden Konturen wiedergegeben werden. Darum sollte jeder die Finger von einer (Auto)Biographie lassen. Aus dem lebendigen Roman wird eine tote Chronik, die (jedoch) auch für denjenigen, der sie erlebt hat, mittels der Brücke des Erinnerungsvermögens interessant sein kann. Am ehesten kann der Autor den Lesern durch die Erzählung ungewöhnlicher Situationen belustigen. (Egon v.Vietinghoff).
Kindheitserinnerungen
Ich bin immer viel gereist, kaum geboren balanzierte ich in einer von Holland nach Paris provisorisch eingerichteten Hängematte, die zwischen den Gepäcknetzen des Eisenbahnabteils aufgehängt war. Als Kind war ich enttäuscht, dass das Land bei Grenzübergängen die Farbe nicht wechselte wie es doch im Atlas vorgeschrieben war ... Und Kopfzerbrechen machte es mir, dass der vorübergehende Schaffner Löcher in unsere Fahrkarten knipste, wusste ich doch, dass die Fahrkarte dadurch entwertet wurde und wir noch eine lange Reise vor uns hatten.
Mein Bruder besass viele kleine Bärchen, die sich die sich nur durch ihre Farbe und ihre Mimik voneinander unterschieden. Er verteilte sie auf Fenstersimse, Armlehnen und Gepäcknetze, vergass aber regelmässig sie beim Umsteigen einzusammeln. Um sie nicht ins Ungewisse weiterreisen zu lassen, musste mein Vater die Tragödie abwenden indem er zum noch nicht wieder abgefahrenen Zug rannte und die Bärchen im allerletzten Augenblick einsammelte, wobei er unseren abfahrenden Zug fast verpasste. Die Tränen in den Augen meines Bruders trieben ihn zur Eile an und die Bärchen wurden gerettet.
Meine Eltern waren als Menschen sehr bescheiden und hatten beide auf ihre Weise eine charakterliche Grösse, die starke ethische Wurzeln hatte. Trotzdem pflegten sie aufgrund ihrer Herkunft auf selbstverständliche Weise ihre gesellschaftlichen Beziehungen. Sie waren hilfsbereit und brachten in ihrem Haus Künstler und andere kultivierte Menschen zusammen oder gaben manchmal Hauskonzerte. Sie hatten eine ungewöhnliche Ausstrahlung und wurden, solange meine Mutter gesund war, deshalb gerne zu Empfängen eingeladen. 

Einmal waren sie in Wiesbaden Gäste bei einem Essen mit dem Kaiser, bei dem auch mein kleiner Bruder und ich dabeisein durften. Wilhelm II besuchte die Kurstadt öfter, so dass wir als Kinder die für ihn stattfindenden Paraden sahen. Alexis war vielleicht 6 Jahre alt und sein Gaumen schätzte die Raffinements des kaiserlichen Banketts noch nicht so recht. Verwirrt von der Fülle wohlklingender Speisen, das Gewohnte aber vermissend, platzte er kindlich empört und erschreckend laut mit der Feststellung heraus: "Und nicht einmal Käse gibt es hier!". Der Kaiser wird es nicht gehört haben, denn es gab mehrere Tische und die Tafeln waren sehr lange ...
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Aus der Schulzeit
Zuoz: Am Samstag Abend wurden die Differenzen zwischen den Schülern ausgetragen, die während der Woche genau verzeichnet worden waren. Da es mir unangenehm war zuzusehen wie bei Prügeleien die Kleineren von den Grösseren misshandelt wurden und ich manchmal eingeschritten war, hatte ich einige der grösseren Schläger gegen mich und musste an diesen Samstagen manche Quälerei überstehen. Die Stunde der Abrechnung hat wohl dazu beigetragen, dass ich auf Wunsch meiner Eltern von einem Internen zu einem Externen überwechselte, was meine Lage beträchtlich verbesserte. Ich wohnte nun bei einer Familie, die oberhalb des Lyceums ein Haus besass. 
In diesem Haus wohnten einige Schüler des Lyceums und eine sehr hübsche, aber erwachsene Rheinländerin. Ich bewunderte ihren hellen durchsichtigen Teint und es ärgerte mich noch nicht erwachsen zu sein. Ein zu grosser Unterschied zwischen Alter und hormonaler Entwicklung kann schmerzliche Folgen haben, weil Euphorie eines Frühreifen wie auch eines greisen Liebenden nicht honoriert wird, während das Gewicht, das dem Alter beigemessen wird, vom Beteiligten selbst übersehen wird. Glücklicherweise war ich so in Anspruch genommen mit anderen Schülern zusammen eine Rutschbahn aus zu bauen, die uns in Sekunden zum Lyceum bringen sollte, dass mir wenig Musse blieb, meinem Liebeskummer nachzuhängen.
Eine nicht alltägliche Begebenheit war eine kurze Anstellung eines Lehrers, der wegen einer tiefen Narbe quer über den Schädel Aufmerksamkeit erweckte. Als er meinen Namen hörte schien er unsicher zu werden und behandelte mich wie ein rohes Ei. Als ich meinen Eltern seinen Namen nannte erschraken sie: die Narbe stammte von einem Schwerthieb, den ihm mein Grossvater (Arnold Julius v.Vietinghoff) während der ersten Revolutionszeit 1905 in Russland (aus Notwehr) versetzt hatte. Er hatte sich in der Zwischenzeit vom Anführer (einer Schar von Revolutionären) zum Schullehrer gewandelt (und war wegen der Ereignisse und Wirren in den baltischen Provinzen ebenfalls in die Schweiz ausgewandert).
Zürich : Ein Lehrer verwies mich der Klasse und lies mich auf dem Gang die nächste Unterrichtsstunde abwarten. Ich weiss bis heute nicht, warum die Art, wie ich diese Demütigung aufnahm mir den Respekt meiner Mitschüler und ein fast freundschaftliches Verhältnis zum Mathematiklehrer eintrugen. Er lud mich später oft zu sich ein und kaufte mir später, als ich Maler geworden war, Bilder ab. Die Mathematik ist mir aber immer ein Rätsel mit sieben Siegeln geblieben. Im Zeichnen war ich schlecht, denn die gestellten Aufgaben langweilten mich. Einmal wurde ich vom Zeichenlehrer sogar als "Dummkopf" betitelt, weil ich mich nicht an seine Anweisungen hielt.
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Marocco
A. (der Mitreisende) war ein sonderbarer Mensch; ich hatte ihn sehr gern, aber sein Charakter war düster. Nach dieser sonderbaren und plötzlichen Trennung (s. Unterkapitel "Anekdoten") dachte ich nicht mehr an den Kongo, aber die Wanderlust trieb mich weiter und ich beschloss nach Marocco zu fahren. Bald hatte ich einen kleinen Frachtdampfer aufgetrieben, dessen Kapitän sich für ein paar Batzen bereit erklärte, mich bis Ceuta mitfahren zu lassen. Als ich am Abend aufs Schiff kam, sassen schon mehrere fragwürdige Gestalten auf Deck, die anscheinend auch den Gedanken gehabt hatten, die Meerenge auf diese billige Art zu überqueren. Sie lagerten in ein Würfelspiel vertieft auf den gestapelten Kisten. Ich setzte mich an den Bug. Die letzten Ladungen wurden an Bord gebracht und der Lohn den Hafenarbeitern ausgezahlt. Nachdem alle, die nicht mitfuhren, das Schiff verlassen hatten, begann an Bord die emsige, stille und gewohnte Arbeit, die mir immer den gleichen Eindruck gegeben hatte... wenn ich, etwas früh ins Theater gekommen, sich langsam die Plätze füllten und der feierliche Augenblick des Vorhangöffnens immer näher rückte. Bald würden die Lichter erlöschen und hinter dem schweren Stoff würde sich eine fantastische Welt eröffnen. Das kleine Loch, hinter dem man ab und zu ein Auge gewahrte, und der dünne Schein, welcher hindurchdrang, liessen nicht einmal auf die Farbe des Lichts schliessen, welches die Bühne erleuchten würde. Welch ein schönes Gefühl vor diesem grossen Geheimnis zu sitzen und die Sicherheit zu haben, dass der Augenblick, dass es sich enthüllen würde, unabwendbar war und immer näher rückte!

Das Schiff löste sich langsam vom Quai, die Taue, welche es festgehalten hatten, verlängerten sich, ihre Enden klatschten ins Wasser, und wurden dann sorgfältig in kunstvollen Bögen übereinander gerollt. Gleichmässig hämmerte die Schiffsmaschine in die Nacht hinein während einige Delphine in mächtigen Sätzen ... spielend uns noch lange begleiteten. Ich hatte mich ... in die schillernde Sternenwelt verloren als ein alter Araber, den ich ... unter den spielenden Gesellen gesehen hatte, sich zu mir setzte und fragte, ob ich wisse wie man die Zeit nach der Stellung der Sterne erkennen könne; als ich verneinte, zeigte er es mir, frug, was ich in Marocco vorhätte und entsetzte sich väterlich spöttelnd als er erfuhr, dass ich alleine in einem Lande herumwandern wolle, das sich im Kriegszustande befand.

Es war im Jahre 1920 und der Rifkrieg hatte seinen Höhepunkt ereicht. Eindringlich schilderte er mir die Zustände, den Hass der Araber auf jeden Europäer, und er weissagte mir, dass mir schon am ersten Tage der Hals durchgeschnitten oder ich für immer in einen der vielen Türme verschwinden würde, welche die Hügel dieses gastlichen Landes krönen. Er sprach ruhig und sachlich; ich konnte weder über das Wohlgemeintsein noch über die Wahrheit seiner Rede Zweifel hegen und so sah ich mich vor der unangenehmen Aussicht entweder in Ceuta einen Dampfer für die Rückfahrt zu suchen oder meine Abenteuerlust teuer zu bezahlen.
Ich war ratlos; da schlug mir mein väterlicher Araber vor mit ihm das Land zu bereisen. Er musste mehrere kleinere Dörfer besuchen (warum, habe ich nie erfahren) und wollte mich unter zwei Bedingungen mitnehmen. Erstens sollte ich in Ceuta arabische Kleider anziehen um nicht schon von weitem als Europäer gekennzeichnet zu sein und zweitens die Anfangsverse des Korans auswendig lernen um mir die arabischen Gemüter günstig zu stimmen. Natürlich sagte ich freudig zu, übte die ganze Nacht an den komplizierten Kehllauten der arabischen Sprache. Es hat mir später immer leid getan, dass ich keine Gelegenheit mehr hatte sie weiter zu üben, denn die Schönheit der grosszügigen, herben Verse des Korans, die mir mein Begleiter im Laufe unseres Zusammenseins immer wieder mit Ehrfurcht vortrug, begeisterten mich bald. Auch in Ceuta, wo wir zwei Tage Quartier bezogen hatten, übte ich fleissig und mit Engelsgeduld korrigierte mich mein bärtiger Berber.
Schon war der Vorhang halb geöffnet. Auf eine unbekannte, bunte, grelle, herbe Welt. Auf kleinen Eseln ritten grosse, hagere Gestalten. Der Burnus bedeckte sie ganz. Die nackten Beine hingen an den Seiten des Esels herunter, die Zehen steckten in riesigen platten Pantoffeln, deren hinterer Teil lässig den Boden streifte. Begegneten sie einander berührten sie einander erst stumm die Stirne und führten die Hand zum Munde. Dann begannen sie wild aufeinander loszureden. Die Stimmen schlugen andauernd über; rollende und geflüsterte, wechselten mit gehauchten, gequetschten oder geriebenen Kehllauten ab und gaben einen dumpfen, mannigfaltigen Grundton für die spärlichen, aber schrillen Vokale. So war auch ihre Musik. Wie die Stimme aus der bösen geheimnisvollen Wüstenwelt zog sie unter meinem Fenster vorbei. Dumpfe, synkopierte Trommelschläge über denen kleine Flöten und Dudelsäcke ihr schillerndes, lautes und doch unendlich nuanciertes Spiel trieben. Ein Spiel, das nie aufhören konnte ...
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Pariser Erinnerungen (1923-1933)
Weil mein Atelier sehr gross* war, galt ich als wohlhabend (unter den Blinden ist der Einäugige König) und wurde weidlich ausgenützt. Eines nachts klopfte mich ein peruanischer Bekannter aus dem Schlaf. Er war ein Inkaprinz und seine Frau Tänzerin. Nachdem ich ihn eingelassen hatte, lief er mit suchendem Blick im Atelier herum. Auf meine Frage, was er wolle, antwortete er, er suche ein Tischchen um es zu verbrennen, sie hätten kein Heizmaterial mehr zu Hause.
* Nachdem Egon v.Vietinghoff in Deutschland zuerst einmal von Hauslehrern unterrichtet wurde, verbrachte er seine Schuljahre im Alter von 13-16 in der Schweiz, wo schon damals kein "ß" geschrieben wurde.
Die Erfahrungen mit Kollegen waren aber nicht immer so spassig wie diese. Neidern ist jedes Mittel recht, sich auf Kosten des Beneideten Vorteile zu verschaffen. Einer borgte sich für ein paar Stunden meinen Staubsauger aus, den ich nie wieder sah. Ein zweiter, unterdessen sehr kotierter* Maler, brachte es fertig, meinen grossen Perserteppich unter dem Vorwand zu verkaufen, er wolle ihn zu einem ihm bekannten Teppichreiniger bringen. Einem anderen hatte ich monatelang Unterkunft gegeben, weil ihm sein Atelier gekündigt worden war. Nachdem er endlich abgezogen war, fehlten lauter Dinge, die er wohl dringlicher als ich zu brauchen glaubte. Von den Darlehen, die ich gutgläubig an einige im Anpumpen geschulte Kollegen machte, erhielt ich keines mehr zurück. Nach solchen Erfahrungen ist mir von der unter Künstlern herrschenden Kollegialität keine erhabene Meinung geblieben.
* Vietinghoff bedient sich eines aus dem Französischen kommenden Wortes der Börsensprache: fr. coter = Kurse / Preise notieren, dt. kotieren = Wertpapier an der Börse zulassen. Er drückt damit sowohl sein Erinnern in französischer Sprache aus als auch die Beobachtung, dass mit den Werken vieler Künstler wie mit Aktien spekuliert wird, und zwar unabhängig von ihrem inneren Gehalt – vor allem auf materiellen Gewinn hin orientiert.
Dabei war ich gar nicht so wohlhabend wie manche Kollegen glaubten. Es gab Engpässe, die so eng waren, dass ich ihnen meine Gürtelweite anpassen musste. An so einem Engpass suchte ich eine Art Volksküche für Intellektuelle auf. Sie hatte den Namen eines großen Dichters.

Die Wände waren über und über mit Reklamen bedeckt, durch die Firmen den Idealismus priesen, mit dem sie ihre Nudeln, ihre Bohnen oder ihr Pflaumenmus der werdenden geistigen Elite Frankreichs grossmütig zur Verfügung stellten ("gracieusement mis à la disposition de ..." hiess die Formel). An langen Tischen sass die hungrige Elite. Dazwischen standen zwei Rausschmeisser, die misstrauisch die Anzahl der Gabeln und Messer abschätzten. Jedesmal wenn ich das Intellektuellenlokal verliess, war ich voller Flöhe. Im Atelier fand ich einen Zerstäuber und einen Rest Insektenvertilgungsflüssigkeit, die ich mir unter die Jacke spritzte, bevor ich die Literatenküche wieder betrat. Zu meinem Erstaunen rückte die ganze geistige Elite von mir ab und hinterliess gähnende Leere um mich herum. Offensichtlich waren ihre gerümpften Nasen sprayempfindlich.

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Ich war damals noch sehr mit meiner Ausbildung beschäftigt und verkaufte sehr wenig, teils weil ich das was mir vorschwebte noch nicht erreicht hatte, teils weil es in Paris für einen Maler, der sich noch keinen Namen gemacht hatte, sehr schwer war Bilder zu verkaufen. Ausser durch vereinzelte Portraitaufträge hielt ich mich und (später) meine Familie durch Nebenverdienste über Wasser, die ich mit allen möglichen Beschäftigungen machte, die mir aber im Verhältnis zur Zeit, die ich damit verlor, wenig einbrachten. Ich illustrierte Schundromane die mir eine benachbarte Hinterhofdruckerei lieferte, malte auf riesigen Goldgründen (die mir geliefert wurden, weil ich ein grosses Atelier hatte) chinesische Jagden und Erdkarten mit den Tieren und Trachten, die in den verschiedenen Erdteilen vorkamen, oder retuschierte und verwandelte Photographien oder arbeitete (sogar) kurze Zeit in einer Autogarage und fabrizierte Hüte nach einer Mode, die meine Frau erfunden hatte und überhaupt nahm jede sich bietende Gelegenheit wahr, die sich mir bot, etwas Geld einzubringen. Ausgiebiger war meine Retuschierarbeit, die ich an Frauen Porträts ausübte. Sie bestand darin, dass ich Photographien von Frauen, die sich nicht schön genug abgebildet fanden, bis zur Unkenntlichkeit verjüngte bis alle Falten und Fettansammlungen verschwunden waren.
Da ich unterdessen einige maltechnische Kenntnisse erworben hatte, wagte ich mich auch mit sehr gutem Erfolg ans Restaurieren beschädigter Ölgemälde. So brachte man mir einmal ein vollständig zerknittertes Bild von Winterhalter, das während des Krieges in einem Rucksack über die Grenze geschmuggelt worden war und das ich tagelang behandelte bis jede Spur von Schäden getilgt war. Dieser Erfolg brachte mir (zwar) andere Restaurierungsaufträge ein, befriedigte mich aber nicht. Die einzige Sicherheit, die ich hatte, war (hingegen) der Besitz des Ateliers, dem ich später, als gewissenlose (und nicht bezahlende) Mieter und Flüchtlingsströme es während des Krieges verwüstet hatten, noch lange nachtrauerte.

Im Sommer, den ich meistens bei Freunden im Süden verbrachte, vermietete ich mein Atelier an Maler, die sich vorübergehend in Paris aufhielten.  Im Jahre 192x * mietete es ein Brasilianer, der einen staatlichen Auftrag erhalten hatte und froh war einen Raum gefunden zu haben, der gross genug war. Er sollte nämlich für irgendein öffentliches Gebäude in Rio ein überdimensioniertes Bild malen, das Apollo und die neun Musen darstellte.

* in Frage kommende Jahre: 1925 - 1928

Tags darauf hatte ich noch etwas mit ihm zu besprechen und suchte ihn auf. Das Atelier war nicht wieder zu erkennen. Mein Mieter hatte es fertiggebracht, über Nacht eine 5 mal 8 Meter grosse Leinwand aufzurichten und mit Hilfe meiner Doppelleiter ein rollendes Fahrgestell zu verfertigen, mit dem er von einem Ende der Riesenleinwand zum anderen schoss. In einer Ecke des Ateliers war kübelweise Farbe aufgestapelt, in einer anderen eine Kafféküche*) eingerichtet. Das Erstaunlichste aber war, dass er bereits zehn Modelle, einen Mann und neun Frauen aufgetrieben und alle zusammen vor eine Atelierwand aufgestellt hatte, die er mit blauem Papier beklebt hatte. Die sämtlich unbekleideten Musen hoben sich mit ihrem Gebieter vom Azur dieses attischen Himmels ab und warteten darauf durch den Pinsel des brasilianischen Apelles** gemeinsam verewigt zu werden.

** bedeutendster Maler der Antike

Das von einer fieberhaften Betriebsamkeit besessene Männchen flitzte wie ein Wiesel umher, blitzte aus lebhaften Augen und trank – wohl um eine nicht vorhandene Trägheit zu bekämpfen den ganzen Tag über den schwärzesten Kaffé*, den ich je gesehen habe. Wir waren uns sofort einig, ich zog aus und er ein.

* Zweisprachig aufgewachsen, weitere Sprachen sprechend, in vielen Ländern gelebt habend und gereist, stand Egon v.Vietinghoff auf Kriegsfuß mit der Orthographie immer der selben Worte dazu gehörte das Wort Kaffé, das er hier zur Abwechslung mal mit einem deutschen Stamm und einer französischen Endung verwendet.

Ich war sprachlos. Schon immer haben manche Künstler Einzelstudien nach Natur gemalt bevor sie an die Ausführung eines grossen Bildes gingen, aber auf den irrsinnigen Gedanken zehn Menschen zugleich abzumalen war wohl keiner gekommen.
Ich habe das farbige Bild nie gesehen, denn als ich, wie verabredet, nach zwei Monaten zurückkam, war das Bild bereits abgetakelt, zusammengerollt und verfrachtet, der griechische Himmel und das Fahrgestell im Ofen verbrannt und der Farbhaufen aufgebraucht.
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Meinem Atelier gegenüber wohnte ein dicker Italiener, der es, trotz überbordender Vitalität und Betriebsamkeit, nicht weiter gebracht hatte, als einen schäbigen Verlag zu leiten und unsagbar kitschige Fortsetzungsromane zu verbreiten. Sie waren illustriert und ich hatte die Aufgabe, aus einem Berg von Fotos, Reklamebildern, Ausschnitten aus alten Zeitschriften und Filmen, zum Text passende Fotomontagen zusammenzustellen. Stand z.B. zu lesen: "Als der Knabe das Zimmer betrat, sass die Grossmutter im Lehnstuhl und die Katze schlief in einer Ecke.", so schnitt ich aus dem Wust vorhandener Bilder eine Katze aus, klebte sie auf eine Ecke, verwandelte einen Papagei in eine schlafende Grossmutter (geschickte Retouche kann alles), schnitt einer anderen Gestalt die halben Beine ab und klebte sie, so reduziert, als Halbwüchsigen in die offen stehende Türe einer Möbelfabrikreklame. Dann wurde die Collage fotografiert und mit Retouchiertinte übergangen. Der Italiener betrat mein Atelier immer wie ein staubaufprustender Stier einmal mit einem kleinen Holländer (Öl-Gemälde) aus dem 17. Jahrhundert. Die Bildmitte fehlte, aber an den übriggebliebenen Rändern erkannte man eine gute Malerei. Italienischer Eifer hatte das Bild mit einem alkoholgetränkten Stoffbausch restaurieren wollen und das ganze Mittelstück durch einen einzigen Wischer bis auf den Grund weggeputzt. Ich sollte das fehlende Stück ersetzen. Mein Arbeitgeber erklärte mir, welche Szenen darauf zu sehen gewesen war. Ich malte ihm einige Figuren hin, die bestimmt nichts mit dem Original zu tun hatten, ihm aber so gut gefielen, dass er mit südlicher Grandezza und fürstlicher Gebärde einen Fünfzigfrankenschein aus der Brusttasche zog.
Auch sonst war er, was die Qualität betraf, leicht zu befriedigen, hingegen war er, was die Quantität betraf, unersättlich. So kam es, dass Zeitnot und Routine mich allmählich verführten, flüchtiger zu arbeiten. Meinem Arbeitgeber fiel das nicht auf. Erst als ich versehentlich zwei Figuren verwechselte, einen Wellensittich ins Bett und ein knapp bekleidetes Mädchen in einen Käfig klebte, fand er es besser, die Szene nochmals zu machen, riet mir aber, die vorhandene Montage aufzubewahren, um sie gegebenenfalls für eine andere Textstelle verwerten zu können.

Ab und zu wurde in Campiglis* oder in meinem Atelier gefeiert, wobei etliche Flaschen Wodka geleert wurden. Ich trank am meisten, obgleich ich Alkoholika nicht mochte, weil meine Art betrunken zu sein, beliebt war.

* Mit Massimo Campigli (1895-1971) war Vietinghoff damals gut befreundet, obwohl er von seiner Kunst nicht viel hielt ("... Campigli, der mit seinen Corsettfrauen al fesco die Prunkräume der italienischen Transatlantikschiffe ausmalte ...")

M. C., damals noch unbekannt, später weltberühmt, hatte ein grosses Atelier, das durch eine teilweise verglaste Zwischenwand zweigeteilt war. Der kleinere Teil diente als Küche, Abstell- und Waschraum. Auf dieser Seite waren Bretter an der Trennungswand angebracht, auf denen sich Mal- und Küchenutensilien türmten, was zu häufigen Verwechslungen Anlass gab. Während M. C. sich den Appetit nicht verderben liess, wenn er Fische mit Zinkweiss panierte, ärgerte er sich masslos, wenn mit Mehl die Leinwandgrundierung misslang. Sein Atelier wurde gerne zu nächtlichen Gelagen verwendet, weil Platz und Alkohol reichlich vorhanden waren. Der einzige sehr lästige Nachteil war, dass alle Viertelstunden das Licht ausging, weil ein Zweisousstück, das oft fehlte, in den Gaszähler geworfen werden sollte. Um diesem Ärger abzuhelfen, erfand M. C. ein kompliziertes Verfahren, das aneinander befestigte Zweisousstücke beliebig oft verwendbar machte. Das Atelier war wieder beleuchtet, bis eines Tages der Gaskontrolleur die Sache entdeckte und, die Genialität des Einfalls ehrlich bewundernd, seinen Erfinder büsste.
An einem dieser Abende hatten wir Bacchus reichlich zugesprochen, was nicht jedem Charakter bekömmlich war. So standen sich in der Mitte des Ateliers ein baumlanger Schwede und ein etwas femininer Spanier gegenüber. Der Schwede war rot angelaufen und das nach damaliger Mode um den Mund ausrasierte Schnurrbärtchen des Spaniers zitterte bedenklich. Sie waren so wütend in eine Diskussion verbissen, dass ich den Augenblick kommen sah, in dem sie übereinander herfallen würden. Um Frieden zu erzwingen, stellte ich mich zwischen sie und gab jedem einen tüchtigen Schubs. Der Schwedenriese fiel nur um einige Schritte zurück, der Spanier aber torkelte armfuchtelnd rückwärts durch den ganzen Raum, bis er in das eben fertig gekochte Risotto zu sitzen kam. Durch lautes Geheul gab er seiner misslichen Lage Ausdruck. Ob er durch diesen Zwischenfall endgültig feminin blieb, ist unbekannt. Sehr irritierte mich an jenem Abend die Türe der verglasten Zwischenwand. Wenn ich sie zuschlug, klirrte es, al ob sie in tausend Scherben zersprungen wäre und doch war sie ganz geblieben. Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, passierte ich die Türe nochmals und schlug sie noch kräftiger zu. Die gleiche Wirkung: das Klirren zerbrochener Scheiben, aber unversehrte Glaswand. Ich liebte es schon damals nicht, mit Dingen konfrontiert zu werden, die ich nicht erfasste und wiederholte das Experiment noch ein paar Mal, ohne einer Erklärung näher zu kommen. Tagsdarauf eröffnete mir M. C. belustigt, ich hätte das ganze Geschirr zerschlagen, das auf den Regalen der Zwischenwand aufgestellt war.
Einen Kater hatte ich nach solchen Festlichkeiten nie. Es genügte, meinen Kopf unter die Kaltwasserleitung zu halten, um alle unangenehmen Folgen des Rausches zu verscheuchen. Bei einem Familienfest in Berlin ging ich im Frack unter die Dusche und festete (feierte) pudelnass zur allgemeinen Belustigung weiter ... Solche Exzesse waren aber Ausnahmen. Im Allgemeinen bemühte ich mich nicht aufzufallen und kein Aufsehen zu erregen. Ich habe nie Künstlerkravatten und Samthosen getragen, sondern begnügte mich mit dem damals üblichen runden steifen Filzhut, dem chapeau melon und bei festlichen Gelegenheiten Frack und chapeau claque. Die Mode barhäuptig zu bleiben kam erst später auf.
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Eines der schönsten Erlebnisse verdanke ich der Pariser Metro. Vor mir stand im üblichen Gedränge ein Mädchen, das sich an der Messingstange festhielt, die zu diesem Zwecke der Fensterfront entlangläuft. Ihre Hand, eine kleine, schmale, weissbehandschuhte Hand, faszinierte mich. Es ging ein solcher Zauber von ihr aus und eine so unwiderstehliche Anziehungskraft, dass ich nicht anders konnte, als meine Hand behutsam auf die ihre zu legen. Sie zuckte kaum. Den Bruchteil einer Sekunde streifte mich ihr Blick, dann liess sie ihre Hand vertrauensvoll liegen und ich spürte an dieser Hand, die ich umschlossen hielt, wie meine Zutraulichkeit auch ihr stilles Vergnügen bereitete. Es flogen viele Stationen vorbei, dann wurden wir getrennt, von der einströmenden Menge oder weil einer von uns aussteigen musste ich weiss es nicht mehr, aber der zarte Duft dieses jungfräulichen Erlebnisses ist geblieben.

Auf meinen nächtlichen Heimwegen musste ich ein schlechtes Viertel durchqueren und war oft Zeuge widerlicher Schlägereien, die mich seelisch belasteten, weil ich mir nicht schlüssig war, ob meine Pflicht gebot, dem Schwächeren zu Hilfe zu eilen oder mich aus der Schlägerei herauszuhalten. Jugendlicher Mut und die Angst zusammengeschlagen zu werden kämpften erbittert um mein Gewissen. Durch zwei Zwischenfälle wurde ich später dieses Dilemmas endgültig enthoben:
Nachdem ich eines nachts mit Mühe einen grossen Kerl davon abgehalten hatte, das Gesicht eines am Bodenliegenden mit Fusstritten zu traktieren, erwartete ich, dass der Unterlegene meine Einmischung benützen würde um sich schleunigst aus dem Staube zu machen. Stattdessen erhob er sich blutüberströmt und begann den Grossen auf angriffigste Art zu beschimpfen, weil  jener ihm seinen Hut beschmutzt habe. Vergeblich schrie ich ihm zu, er solle machen, dass er fortkomme solange ich den Grossen noch zurückhalten könne. Er bestand darauf erneut eine Niederlage wegen der Lappalie des beschmutzten Hutes zu riskieren und ich überliess die Beiden ihrem Schicksal. Ein anderes Mal eilte ich in die Richtung, aus der schrille Hilferufe einer Frau ertönten. Ein Trunkenbold war dabei eine laut jammernde Frau brutal zu verprügeln. Als ich mich einmischte war die Hölle los: Beide, Mann und Frau, schrien wütend auf mich ein, was mir einfalle, mich in Angelegenheiten zu mischen, die mich nichts angingen. Seither mische ich mich in keine Streitereien mehr und gehe guten Gewissens auf der anderen Strassenseite meines Weges...

Eines Tages bekam ich einen Steuerzettel ins Haus, den ich wahrscheinlich hätte ausfüllen sollen, aber nicht konnte, weil mir die in Amtssprache verfassten Aufforderungen unverständlich blieben. Ich frug einen Bekannten, der während vieler Jahre Finanzminister gewesen war, was ich tun solle. Schreiben sie: "Bin ausländischer Student und habe keine Steuern zu bezahlen", war sein gut gemeinter Rat. Ich befolgte ihn. Er kostete mich später tausende von Francs Busse und (hatte) ein Misstrauen gegenüber Leuten vom Fach (zur Folge), das mir bis heute geblieben ist.

Abends ass ich meistens bei der mère Rosalie, einer Italienerin, deren riesige Brüste nur mit Mühe einem Kamisol* zusammengehalten wurden, von dem man behauptete, es sei einst weiss gewesen. In ihrem winzigen Lokal, dass mit zwei Tischen und fünf Stühlen bestückt war, hatte sie Generationen von Künstlern beköstigt. Es gab jahrein jahraus nur ein menu*: "bistèque"*, dazu Wein und Brot "à discrétion". Der versoffene Utrillo hatte die "discrétion" überschritten, dafür aber ein Bild auf die Wand gemalt, das ein Amerikaner später aus der Mauer heraussägen und in die USA transportieren liess. Mère Rosalie war sehr wählerisch: sie gab nur jenen Künstlern zu essen, die ihr genehm waren. Ich hatte das Glück zu ihren Favoriten zu gehören und konnte damit rechnen, dass sie mir mit schmutzigen Händen ein grosses Stück Butter vom Butterballen abkratzte und auf mein bifsteque* klatschte. Es schmeckte köstlich und war billig. Nach dem Essen wechselte ich ins Café du Dôme herüber, dem Zentrum der Künstlerfauna** von Montparnasse.

* la camisole = das Mieder. Vietinghoff war beim Schreiben sprachlich und bildlich so in seine Pariser Erinnerung eingetaucht, dass ihm das deutsche Wort nicht einfiel und er ohne es zu bemerken das Französische verdeutschte und es sogar mit dem deutschen Artikel versah, und dann das Wort Menu auf Französisch und klein schrieb. Ebenso kam er gleich zweimal mit der Rechtschreibung des Beefsteak  durcheinander: die richtige Schreibweise ist "bifteck". Und dies alles obwohl er fließend Französisch sprach und ein schönes obendrein.
** ein geläufiger, wenngleich nicht gerade positiv belegter Begriff aus dem Französischen

Zehn Jahre lang war ich fast allabendlich im Café du Dôme. Dort traf man Calder ... , Man Ray ... mit seiner ... Freundin Kiki, Pascin ... , Kisling ... , Campigli ... , Derain und Fujita ... , Giacometti und seinen Bruder ... , Picasso ... , van Dongen ... , den ... Masereel und viele andere.

Im Jahre 1933 hörten die gemütlichen Zusammenkünfte auf, dann brach die Welle der Emigranten, die das gefährlich werdende Deutschland verlassen hatten, ins "Dôme" ein, waren sehr aktiv und belegten mit grossem Organisationstalent mehrere Tische. An einem Tisch wurden allgemeine Informationen vermittelt, am andern private Unterkünfte, Mietwohnungen und Ateliers ausfindig gemacht und verteilt, an einem anderen Arbeitsbeschaffung besprochen und Stellen vermittelt, an einem anderen ein Fond errichtet um Minderbemittelten weiterzuhelfen usw.

Sie entwickelten eine rege Tätigkeit mit dem Resultat, dass die Aufträge an die eifrigen, rascher handelnden, billiger arbeitenden und von wenig Skrupeln belasteten Immigranten übergingen, die (auch) eine geschicktere Werbung betrieben. Da viele im Montparnasse sich mit Nebenverdiensten durchgeschlagen hatten, verloren viele meiner Maler-Bekannten ihre Verdienstmöglichkeiten und blieben arbeitslos. Da auch ich den Lebensunterhalt mit Nebenverdiensten wie Illustrationen, Photoarbeiten und allen möglichen graphischen Aufträgen usw. bestritt, und diese Verdienstmöglichkeiten (nun) durch die Emigranten ausfindig gemacht und übernommen wurden, verlor auch ich meine Verdienststellen und wanderte, mein Atelier vermietend, mit Frau und Tochter erst nach dem damals unglaublich billigen Mallorca und dann zu meiner Schwiegerfamilie nach Buenos Aires aus, wo mich meine Schwager in ihrer Eisenfabrik anstellten.

Leider bin ich aber für das praktische Leben unbrauchbar. Man tat was man konnte, um mir weiterzuhelfen, doch fielen alle Bemühungen bei mir auf sterilen Boden ... Als ich erfuhr, dass in den Uferwäldern im Uruguay ein verrückter Engländer sich ein Blockhaus aus ganzen Stämmen hatte bauen lassen, das leer stand, brauchte ich mich nicht lange zu besinnen, um die Fahrt ans andere Ufer des La Plata anzutreten. Der La Plata ist dort so breit, dass man in seiner Mitte lange kein Ufer sieht. Das Schiff fährt durch eine ständig ausgebaggerte Rinne und stösst trotzdem ab und zu auf den Grund auf.

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Saint-Tropez
Im August, dem heissesten Sommermonat, an dem die Pariser ihre Stadt entleert zurücklassen um am Meer oder in den Bergen nach Luft zu schnappen, lud mich mehrere Jahre hintereinander ein Freund ein, Ferien in St. Tropez zu verbringen, wo er ein Haus besass und (es) einen grossen Teil des Jahren mit seiner Frau und seiner Tochter bewohnte. Er war der Sohn eines reichen jüdisch-jugoslawischen Anwalts und hiess Celebonowich. Da den Franzosen der Name zu exotisch war, verwandelten sie ihn in das vertrautere "c'est bon le sandwich"*. Im zweiten Weltkrieg zeichnete er sich als Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung aus; in den Sommer Monaten, die ich dort verbrachte, herrschte aber tiefer Friede und St. Tropez war noch nicht von Feriengästen überlaufen. Wir schwammen viel und massen unsere Kräfte an der Zeit, die wir unter Wasser aushalten konnten und an der Strecke, die wir im Dauerlauf zurücklegten. Der Aufenthalt in St. Tropez hat viel zu meiner körperlichen Ertüchtigung beigetragen.

* deutsch: "es ist gut, das Sandwich"

Eines Abends brach in der Nähe des Hafens ein Brand aus, der nicht gelöscht werden konnte, weil die unbeholfene Feuerwehr ihre Wasserpumpe ins Hafenbecken fallen lassen. Angesichts des brennenden Hauses, vor allem aber eines Mädchens, das ich schon lange bewunderte, sprang ich kurzerhand ins Wasser, tauchte und holte die Pumpe heraus. Mein Sprung hatte die Wirkung nicht verfehlt, denn anderntags machte ich die Bekanntschaft des Mädchens und verliebte mich nach jeder Begegnung mehr in sie. Sie war das schönste Geschöpfchen, dem ich je begegnet bin: Eben dem Kindesalter entwachsen blühte sie ihrem Frühling entgegen. Sie war die jüngste Tochter einer zahlreichen tschechischen Familie, die alljährlich ihre Ferien in St. Tropez verbrachte, sprach nur tschechisch und lehrte mich ein einziges Wort: "krijowatka"*, das Strassenkreuzung bedeutet. Es genügte um uns täglich zu treffen und im nahen Kiefernwald das Zusammensein zu geniessen. Obgleich ich sie leidenschaftlich küsste und mit Liebesbezeugungen überschüttete, überschritt ich die Grenze nie, die mir der Respekt vor ihrer Jungfräulichkeit gebot. Wir liebten uns schweigend, denn sie verstand kein Wort französisch, aber die Stunden, die ich mit ihr verbrachte, erscheinen in meiner Erinnerung wie ein mit zauberhaftem Licht erhelltes Märchen.

* korrekt: "krizovatka" mit Häkchen auf dem "r" und dem "z" (sprich etwa : "krschischowatka").

Weniger romantisch war mir später zumute als ein Bekannter, der mich mit trockenen Kleidern versorgt hatte, mich bat die abgelegten nassen Kleidungsstücke abzuholen, weil sie sein Zimmer verstänkerten. Ich war nämlich just an den Ort getaucht, wo die Kanalisation in den Hafen mündete.
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Überfahrt nach Europa (17. Juli 1937)
Die schwüle Nachtluft erhellen donnerlose Blitze. Sie geben mir dann und wann durch das Ochsenauge (Bullauge) der Kabine einen runden Ausblick auf den fahlen verregneten Horizont. Die Maschine stampft dumpf und das eintönige Gemurmel der Karten spielenden Russen vermag ... mein Ohr nicht zu fesseln. Einer von ihnen fragte mich heute wie alt ich sei. "34 Jahre" war meine Antwort und sie durchdrang den ganzen Abend meine Gedanken. Ich habe Zeit und Musse über mein Leben nachzudenken und da mein Sinn weder mit grossen Hoffnungen auf die Zukunft gerichtet ist noch die Enttäuschungen der Vergangenheit so ferne liegen, dass sie ihn nicht verbittern, kann ich ruhig und mit einiger Traurigkeit feststellen wie das Leben mich in jeder Beziehung abwärts führte.

Vor zehn Jahren liessen die wunderbaren Bilder, welche meiner Einbildung (Vorstellungskraft, Phantasie) vorschwebten, hoffen, dass mein Leben ein reiches sein würde. Der heisse Wunsch nach Liebe und die Fähigkeit mich zu verlieben, die in mir brannte, ... stärkte die Hoffnung ... mich seelisch und körperlich innig mit einer Frau verbinden zu können. Ich bewunderte die grossen Werke der Kunst und begeisterte mich an ihnen nicht weniger als jetzt und glaubte mit dem Feuer der Jugend begabt genug zu sein, einst auch grosse Werke schöpfen zu können. Ich war voller Energie und sah meine maltechnischen Kenntnisse von Monat zu Monat wachsen. Ich war weder in den menschlichen noch in künstlerischen Zukunftsträumen durch (gravierende) ökonomische Sorgen gestört. Jetzt aber, nach zehn Jahren, fliehe ich auf einem Emigrantenschiff dritter Klasse das Zusammensein mit einer Frau in welcher ich die Personifizierung alles Schönen und Edlen zu sehen geglaubt hatte und mit welcher ich meine Jugendträume zu leben gehofft. Von Jahr zu Jahr musste ich mehr einsehen, dass es nicht möglich wäre. Die Verschiedenheit unserer Charakter ... , vielleicht auch die Unmöglichkeit, dass zwei Menschen sich das geben können, was sie zu geben so inbrünstig erwarten, machte meine Heirat (Ehe) immer bitterer und das Dasein des Kindes verschloss den Ausweg, den jeder sich hätte alleine suchen können.

Mit der Hoffnung auf das Leben erlosch auch die Kraft, die Hindernisse, die sich meiner künstlerischen Laufbahn in den Weg stellten, zu überwinden ... Sie liegen nun so dicht vor mir und mein Wille ist so geschwächt, dass ich keine Hoffnung mehr hegen kann, ein grosses Werk schaffen zu können. Außerdem treiben Geldsorgen in meinen Kopf ... in immer eindringlicherer Sprache.

Die Freude ein liebes Kind zu haben, wird getrübt, wenn ich im Hinblick auf mein Leben und dasjenige der meisten Menschen, welchen ich begegne, denke wie viele Enttäuschungen dem armen lebensfrohen Geschöpfchen bevorstehen.

Schicksal ! Eine einzige Freude,
Die bittere des Entsagens
Lässt du ganz uns kosten.

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Meine Werkstätten
Als ich noch bei meinen Eltern wohnte (1917-1920; Zürich, Böcklinstr. 18), hatte ich im oberen Stock ein Mansardenzimmer zur Verfügung, in dem ich modellierte und malte. Dann ein kleines Atelier in der obersten Etage einer Villa an der Hadlaubstrasse (in Zürich). In Anacapri einen von allen Seiten besonnten Raum, in dem ich nichts machen konnte. In Paris ein riesiges Atelier mit Oberlicht, das ich mit dunklen Stoffen nach Bedarf durch Kurbeln teilweise abdecken konnte. Es war das einzig wirklich brauchbare Atelier, in dem ich je arbeitete, denn es hatte auch die nötige Grösse, um die nötige Distanz zum Motiv wahren zu können. In Buenos Aires hatte ich einen Raum zur Verfügung, der nicht nach Norden ging und deshalb nur zu bestimmten Zeiten und bei bedecktem Himmel brauchbar war. In der Altstadt von Zürich arbeitete ich in der dunklen Küche einer kleinen Wohnung. ... Später in einem engen schlauchhaften abgeschrägten Mansardenzimmerchen. Kurz vor Ausbruch des Krieges arbeitete ich in einem Kellerraum, den ich mit einer Jazzband teilte, die einen Teil des Tages dort ihr ohrenbetäubendes Unwesen trieb. Es war die Zeit der Landesausstellung, eine grosse Schweizer Fahne, in der bekanntlich der überwiegende Teil rot ist, überspannte die Strasse. Wenn der Wind die Fahne bewegte, wurde der Raum abwechselnd dunkel und rot beleuchtet. Nach Natur konnte ich dort selbstverständlich nicht arbeiten. Ich entwarf kleine figürliche Kompositionen. Merkwürdigerweise bedeuteten sie den grössten Erfolg meiner Laufbahn, denn – ich weiss nicht mehr welchen Zufällen ich es verdankte – W. Gurlitt, damals der bedeutendste Kunsthändler Deutschlands aus Berlin, sah sie, war begeistert und anerbot sich, eine grosse Ausstellung zu veranstalten. Sie kam nie zustande, weil inzwischen der zweite Weltkrieg begonnen hatte.
(Die längste Zeit malte Egon v.Vietinghoff im Atelier Ostbühlstr. 17 in Zürich-Wollishofen, nämlich von 1944 bis 1989, in einem der mittleren von 6 benachbarten Ateliers im Erdgeschoss mit großer Fensterwand zum Garten hin nach Nordosten. Auch hier waren die Lichtverhältnisse nicht ideal, so dass er sich mit schweren, dunklen Vorhängen behelfen musste. Oft war der Lichteinfall zu diffus und ungerichtet, manchmal reflektierte die gegenüber liegende Häuserwand zu stark, und im Laufe der Jahre wurden die Büsche immer größer und nahmen im Sommer zu viel Licht weg. Aber das Atelier lag nur wenige Fußminuten von der Wohnung entfernt und schließlich hatte sich so an die Schwierigkeiten gewöhnt, dass er an diesem Ort immerhin Dreiviertel seines Gesamtwerks ausführte, ausgenommen die Landschaftsbilder dieser Zeit).
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Schweiz
Damals (im 2. Weltkrieg) malte ich viele Landschaften und suchte mir Orte aus, an denen ich ungestört und von Zuschauern unbelästigt arbeiten konnte. Ein idealer Standpunkt war der Wald über Dietikon (bei Zürich), von dem aus man die Stadt und das Limmattal überblicken konnte, aber ahnungslos hatte ich mich in der Nähe eines Bunkers niedergelassen und malte friedlich als ich von 2 Soldaten aufgefordert wurde mitzukommen. Sie nahmen mir das fast beendete Bild ab und führten mich zur Wache ab. Da ich damals selbst in der Schweizer Armee Dienst tat und politisch unbelastet war, liessen sie mich laufen, hielten aber mein Bild noch zurück. Nachdem meine Landschaft auf Stellen, die auf militärischen Landesverrat deuten konnten, untersucht worden war, bekam ich mein Bild zurück.
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