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Dichtung und Wahrheit

1.  Conrad als Inspiration für die Romane von Marguerite Yourcenar

2.  Homo...

3.  "Alexis"

4.  "Der Fangschuss"

5.  Richtigstellungen

Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford

Conrad als Inspiration für die Romane von Marguerite Yourcenar
Jeanne war die Jugendfreundin von Marguerites Mutter, die kurz nach deren Geburt starb. Jeanne und Conrad blieben Freunde des verwitweten Vaters von Marguerite, Michel de Crayencour. Die Schriftstellerin Marguerite Yourcenar kannte Conrad kaum. Sie mag ihm etwa vier Mal begegnet sein, sicherlich im Alter von zwei, wahrscheinlich noch ein Mal im Alter von drei Jahren, möglicherweise ein weiteres Mal etwas später oder als Jugendliche. Und dann wieder mit großer Plausibilität als junge Frau von 24 Jahren. Conrads zwar ungewöhnliche aber extrem introvertierte Persönlichkeit wurde nach außen von der einmaligen Erscheinung seiner Frau Jeanne überstrahlt. Nur in seiner Kunst, auf dem Flügel spielend war er überwältigend ausdrucksstark. Ohnehin war Jeanne Vorbild für alle. Im Falle Marguerite Yourcenars ist es also nicht verwunderlich, wenn Jeanne eine besondere Stellung innehatte, war sie doch die beste Freundin ihrer stets vermissten Mutter und prägte Yourcenars Leben in schicksalhafter Weise. Conrad war sozusagen nur angeheiratet. Hingegen war Jeanne als Inspiration für Marguerite der Anreiz schlechthin: sie war eine Frau, Schriftstellerin, spirituell, charakterstark, souverän und schön. In Vorahnung auf ihre eigene Entwicklung also die logische Identifikationsfigur. 
Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford Der stille Conrad übte auf Marguerite Yourcenar eine andere Faszination aus: mit ihm teilte sie das "Geheimnis" der Homoerotik. Nach dem Skandal von 1895 und dem persönlichen Desaster von Oscar Wilde (1854-1900), von dem Conrad (1970-1957) im Alter von 24 Jahren sicherlich erfahren hatte, war es der mit ihm beinahe gleichaltrige André Gide (1869-1951), der als international bekannter Mann diese erotische Orientierung gegenüber der Gesellschaft behauptete. Damals lebten beinahe alle Betroffenen mit Ausnahme weniger extravaganter Persönlichkeiten dieses schicksalhafte Thema möglichst unauffällig, oft ganz in innerer Emigration, oder verwandelten ihre Lebensenergie in Kunst. Thomas Mann (1875-1955), ebenfalls Zeitgenosse Conrads, ist eines der prominentesten Beispiele dafür. So darf es nicht verwundern, dass die einzelnen Menschen dieser (großen) Minderheit besonders auf Vorbilder und heimliche Sympathien von Freunden angewiesen waren, so wie teilweise auch heute noch – je nach sozialem Umfeld und Gesetzen des jeweiligen Landes.

Dass ausgerechnet der Ehemann der von Marguerite Yourcenar am meisten bewunderten Frau ein erster Gleichgesinnter war (Conrad erfuhr vermutlich nie von Yourcenars Neigungen), machte ihn – nach Jeanne – zur zweiten Identifikationsfigur und literarischen Vorlage ihres Werks. Marguerite Yourcenars menschliche Anteilnahme, psychologische Neugier, Selbstreflexion und erotische Phantasien mussten Conrad zwangsläufig umkreisen. Er war es, der die schönste, stärkste und begehrenswerteste Frau und Mutter um sich hatte bzw. gehabt hatte; er war es, der sich mit ihr intim austauschen und ein gemeinsames Leben von immerhin mindestens 26 Jahren Dauer teilen durfte – mit welchen Verabredungen, Aussparungen und Einschränkungen auch immer. Und es gab ein zweites Hauptmotiv, Aspekte Conrads in ihre Romanfiguren einfließen zu lassen: die Gefühlswelt des Conrad selbst, die einerseits eine von Jeanne unabhängige Thematik war, andererseits Yourcenars eigene.

Es war ihr nicht möglich ihr Interesse ausschließlich auf eine Person zu konzentrieren: die eine, Jeanne, war zwar dominant, unübertrefflich und ihre Vorbildlichkeit war gesellschaftskonform, Conrad, die zweite zurückgezogenere, deshalb geheimnisvollere war ihr aber durch gemeinsame Wünsche und Probleme wieder näher.

Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford

Nach außen stand Conrad im Schatten Jeannes und dieser Schatten neben der strahlenden Lebensgefährtin zog Marguerite Yourcenar genau so magisch an, allerdings musste sie die – auch aus Mangel an persönlicher Kenntnis – unterbelichteten Stellen ihres Bildes von ihm mit eigener Imagination und ihren eigenen Antworten auf existentielle Fragen ausfüllen: gerade darin bestand ja ihre literarische Kreativität. Insofern waren die Eltern des Malers Egon v.Vietinghoff die idealen Leitbilder und Projektionsfiguren für Yourcenars eigenes Schaffen. Es entstand ein beinahe unauflösbares Geflecht von Wahrheit und Dichtung.
Man beachte auch die vielsagenden Überschriften ihrer eigenen Bücher "Das Labyrinth der Welt", "Der Fall der Masken", "Träume und Schicksale" sowie diejenigen der Biografien über sie, "Die Erfindung eines Lebens", "Die Leidenschaft und ihre Masken", "Die Wanderin im Labyrinth".

Conrad v.Vietinghoff selbst sublimierte sein Lebensthema in der Lektüre geeigneter Literatur und der Bibel, im Gespräch und in der Korrespondenz mit wenigen Freunden und – wie viele Sensible – vor allem in seiner Kunst, dem Klavierspiel. Seine Frau Jeanne verarbeitete ihre komplexen und auch tragischen Lebensthemen durch innere Schulung und literarisch in eigenen Büchern. Marguerite Yourcenar tat es auf ihre Weise in ihrem Werk.

Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford

Alles, was Marguerite Yourcenar über Conrad wusste, konnte vier Quellen haben.
  1. Es waren allenfalls Andeutungen einer disziplinierten, verantwortungsvollen Erwachsenen (Jeanne) gegenüber einer Heranwachsenden (Marguerite), die sie nur wenige Male sah.
  2. berichtet Yourcenar selbst, dass sie in Gesprächen mit ihrem Vater, Michel de Crayencour, einige Anhaltspunkte (oder die ganze Geschichte?) über das Zusammenleben von Conrad und Jeanne erzählt bekam sowie über ihres Vaters Verehrung von Jeanne.
  3. scheint M. Yourcenar im Alter von 24 Jahren Conrad als Witwer einmal alleine besucht zu haben und
  4. verfügte sie selbst reichlich über Intuition, Beobachtungsgabe und kombinatorische Intelligenz, um sich auf das Eine oder Andere einen Reim zu machen.
Die stark verbindenden Parallelen zwischen Marguerite Yourcenar und den Vietinghoffs, die unauflösbaren Polaritäten innerhalb der Ehe Jeanne-Conrad und die in Yourcenars Phantasie schwebenden Vorstellungen waren so grundsätzlich und vielschichtig, dass sie nicht in einem einzigen Band dargestellt oder gar erlösend transformiert werden konnten. Sie konnten einerseits nur gelebt oder andererseits in mehreren Werken variiert werden. So lieferten die eigenen Wünsche, Widersprüche, Liebeserfahrungen und die Erinnerung an das äußerst bemerkenswerte Ehepaar Conrad und Jeanne literarischen Stoff für mehr als einen Roman in Yourcenars Opus.

Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford

Yourcenar selbst kannte ihn kaum und füllte die leeren Stellen des Bildes, das sie von Conrad hatte, mit ihren eigenen Gefühlen und Visionen aus. Außerdem schrieb sie keine Reportagen, sondern Literatur. In ihrem Roman "Alexis" ist sie – wohl noch unter dem Eindruck ihrer wenigen persönlichen Begegnungen und verhaltener in ihren schriftstellerischen frühen Schritten – näher am tatsächlichen Menschen Conrad. Dennoch beachte man eine Reihe von Abweichungen des Titelhelden vom realen Conrad im Abschnitt "Richtigstellungen" weiter unten. 

Dieses Ergänzen, Ausschmücken und Gestalten, diese Verselbständigung der Romanfiguren wird bei anderen ihrer Bücher, die von der Erinnerung an das Ehepaar Conrad und Jeanne ausgehen, noch viel deutlicher. Zwar finden sich in "Annna, soror ..." (franz. 1925, 1931, 1981, dt. 2003) echte Spuren Jeannes, aber äußerst geringe von Conrad, während im Roman "Der Fangschuss" (franz. 1939, dt. 1968) Gestalten agieren, die kaum noch etwas mit den historischen Eltern des Malers Egon v.Vietinghoff zu tun haben.

Homo...
Man sollte unbedingt berücksichtigen, dass in jener Zeit selbstverständlich und ganz allgemein – wie heute noch in sehr vielen Ländern und Familien – nicht über Sexualität gesprochen wurde. Selbst das Wort "homosexuell" war erst 1868 erfunden und noch nicht geläufig. "Homo" ("gleich") kommt aus dem Griechischen, das Conrad studierte und dessen Kultur er sehr zugetan war, "sexus" ("Geschlecht") dagegen aus dem Lateinischen. Der Begriff "homo-sexuell" ist ein Sprachzwitter, der unseren Gesellschaften heute selbstverständlich gebraucht wird, zu Conrads Lebzeiten eher im Vokabular einiger Theoretiker seinen Platz gefunden hatte. Ebenso wie heute gängige populäre Bezeichnungen für das selbe Phänomen, kam es Conrad kaum über die Lippen – selbst in einem Brief an einen seiner nächsten Freunde kürzte er "H.S." ab.
Conrad sprach von "homo-trop" (dem Gleichen zugewendet/zugeneigt) oder von "homo-phil" (Gleiches liebend): heute fast ausgestorbene Begriffe, die den Akzent nicht auf Sex, sondern auf Erotik und Liebe legen: "Homo-tropie", "Homo-philie" oder "Homo-erotik" (Erotik unter Gleichen) – alles rein griechische Wortschöpfungen – alles rein griechische Wortschöpfungen – lenken die Aufmerksamkeit auf Allgemeineres und Subtileres als auf Sex.

Heute bekannte Verkürzungen, die sich manifestieren in Ausdrücken  wie "Liebe machen", waren nicht vereinbar mit Conrads idealistischem Menschenbild und seinen romantischen Vorstellungen.

Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford

Es ist heute kaum noch nachzuvollziehen, dass man in Conrads erster Lebenshälfte mit Badeanzügen schwimmen ging, bei denen nur die Unterarme und Fußknöchel herausschauen durften – und das in seiner Jugend sogar nur in getrennten Badeanstalten für Männer und Frauen. Alles andere galt als unsittlich und Abweichungen von heute absolut lächerlich erscheinenden Vorschriften wurden mit Geldstrafe oder Gefängnis belegt. Natürlich gab es damals kein offenes Gay-Life so wie heutzutage (und das ja auch nicht in allen Ländern!). Als der extravagante Oscar Wilde nach einem skandalösen Prozess in London wegen Homosexualität zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt wurde und in der Folge dessen 1900 als gebrochener Mann starb, war Conrad 24 bzw. 30 Jahre alt. Das ging damals durch die Weltpresse! Und das Beziehungsdrama der 1870er Jahre zwischen Paul Verlaine und Arthur Rimbaud war noch nicht vergessen.

Wie viel, wie oft und bei welchen Gelegenheiten Conrad seine Gefühle jemals auslebte, ist nicht zu sagen. Aus Begegnungen mit seinem vertrautesten Freund anfangs der 1970er Jahre geht hervor, dass er seine Gleichgeschlechtlichkeit, ebenso wie sein Zeitgenosse Thomas Mann (1875-1955), überhaupt nie auslebte! In Gesprächen und in Briefkorrespondenz mit einigen wenigen Gleichgesinnten schwärmte und philosophierte man in seinen Kreisen über das altgriechische Ideal des "Kaloskagathos" (schön und gleichzeitig gut zu sein), über den Unterschied in der Liebe von "Eros und Agape", über J. J. Winckelmanns Ausdruck "Edle Einfalt – stille Größe" und über das Göttliche in der Liebe.

Man kommentierte die politische Entwicklung und tauschte sich aus über die großen deutschen Klassiker der Literatur oder setzte sich mit aktuellen Dichtern wie z.B. Hermann Hesse (1877-1962) auseinander und vertiefte sich in die Werke von Fjodor Dostojewski (1821-1881) und Friedrich Nietzsche (1844-1900), mit dessen Schwester Conrad schriftlichen Kontakt hatte, später über C. G. Jung (1875-1961), Pfarrer Martin Niemöller (1892-1984) und andere.

Die sensible Minderheit beklagte – ebenso wie heute – die dominante Brutalität der Welt, die sich zu Lebzeiten Conrads u.a. in den Russischen Revolutionen, dem Russisch-Japanischen Krieg, den Bürgerkriegen in Russland, China und Spanien, in den beiden Weltkriegen, dem Holocaust, dem Koreakrieg und dem stalinistischen Regime sowie für ihn persönlich dem Verlust seiner Heimat manifestierte (zusammen haben diese Kriege und Diktaturen mindestens 120 Millionen Menschen das Leben gekostet). Conrad war Idealist, Humanist, Pazifist und Vegetarier.

Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford

Mit seinen Freunden las er Plato (selbstverständlich im griechischen Original) und August v. Platen (1796-1835); sie verstanden die Gedichte von Stefan George (1868-1933) und die Novellen von Ernst Wiechert (1887-1950) mit wissender Anteilnahme. Aufmerksam verfolgten sie die Publikationen von Hans Blüher (1888-1955), der sich selten deutlich zur Erotik zwischen Männern äußerte. Sie setzten sich innerlich auseinander mit den großen Erfolgen der bi- und homosexuellen Literatur-Nobelpeisträger Thomas Mann (Nobelpreis 1929),  Hermann Hesse (Nobelpreis 1946) und André Gide (Nobelpreis 1947). Auch wenn nicht alle Genannten in allen Belangen vor seinem Urteil gleichermaßen bestanden und zu seiner Lieblingslektüre gehörten, so muss es für Conrad doch eine gewisse Genugtuung gewesen sein, zu sehen, dass Menschen mit homophilen Gefühlen international gewürdigt wurden – den alltäglichen Vorurteilen und Diskriminierungen zum Trotz. Aber bei aller Verwandtschaft zu diesen Dichtern, Denkern und Leidensgenossen waren ihm – seinem hochsensiblen Wesen entsprechend – Friedrich Hölderlin (1770-1843) und Rainer Maria Rilke (1875-1926) am nächsten.
Die Lebensdaten sind angegeben, um zu zeigen, dass die meisten der Genannten Zeitgenossen Conrads waren und wie aktuell die Auseinandersetzung mit ihnen damals war.
Thomas Mann, 1929
Hermann Hesse, 1946
André Gide
Rainer Maria Rilke, 1900

"Alexis"
Conrad v.Vietinghoff hatte zwei Söhne: den späteren Maler Egon und den 1½ Jahre jüngeren Alexis. Der Name Alexis kommt vom Vater seiner Frau Jeanne de Vietinghoff, dem Belgier Alexis Bricou.

Ohne sein Wissen wurde Conrad Baron von Vietinghoff zur Figur des "Alexis" im gleichnamigen Erstlingsroman Marguerite Yourcenars: "Alexis oder der vergebliche Kampf". Er erschien 1929, in dem Jahr, in dem auch ihr Vater starb. Dieser hatte ihr – so viel man weiß – 1925/26 über die Ehe von Conrad und Jeanne sowie seiner Liebe zu ihr erzählt. Jeanne starb 1926. 1927 besuchte Marguerite das Grab ihres Idols und im Anschluss daran sehr wahrscheinlich den Witwer Conrad. Da sie sofort danach den "Alexis" in Angriff nahm, war er nicht nur thematische Vorlage, sondern der Besuch bei ihm auch der zeitliche Auslöser ihrer eigenen, ersten, wenngleich indirekten Bekenntnisse.

In dem Roman, der ohne Handlung eher ein Essay oder eine Novelle ist, reflektiert der letzte Abkomme einer adligen Familie sein Leben, seine Motive, Ängste, Zwiespälte, Leidenschaften und Versäumnisse, wobei er sich um Wahrhaftigkeit ringend in einem langen Abschiedsbrief an seine Frau zu seiner verheimlichten Homosexualität bekennt. Feinsinnig und mit sparsamsten Mitteln und Andeutungen verdichtet sich die Atmosphäre eines quälenden inneren Konfliktes.

Im Jubiläumsjahr 2003, als Marguerite Yourcenar und Egon von Vietinghoff 100 Jahre alt geworden wären, veranstaltete das CIDMY (Centre International de Documentation Marguerite Yourcenar) in Brüssel einige Bühnenaufführungen einer von Michèle Goslar dramatisierten Bearbeitung des "Alexis".

Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford

Der Dargestellte ist eindeutig Conrad, dem die Autorin den Namen seines zweiten Sohnes gab. Namen zu vertauschen ist ein einfaches und von Marguerite Yourcenar oft angewandtes Mittel, die Konturen der Realität zu verwischen. Der Roman erschien ja noch zu Lebzeiten von Conrad, Egon und Alexis, während Jeanne, im Roman "Monika" genannt0, drei Jahre zuvor gestorben war.

Gleichzeitig stand die zweite Ekloge des römischen Dichters Vergil namens "Alexis" Pate beim Titel des Romans. In Vergils Hirtengedicht geht es um einen schönen Jüngling, der von Corydon umworben wird. Dessen Namen lieh sich wiederum ein anderer Schriftsteller französischer Sprache 1911 für einen Buchtitel: der Literatur-Nobelpreisträger André Gide. Veröffentlicht wurde sein "Corydon" allerdings erst 1923 unter Gides richtigem Namen, der damit einen Skandal auslöste – gerade einmal vier Jahre bevor Marguerite Yourcenar den "Alexis" schrieb. Das Genre des Briefromans war schon seit längerem gewählt für erotische Themen und Tabus sowie als eine Art intimes Tagebuch für Themen, über welche die Gesellschaft schwieg. Damit waren für Insider genügend Assoziationen und Parallelen gegeben. "Corydon" beinhaltet "vier sokratische Dialoge", während Yourcenar als Form für "Alexis" einen Briefmonolog wählte.

Man kann jedoch in Yourcenars Werk nicht einfach den Namen "Alexis" mit "Conrad" ersetzen und erwarten, man hätte nun die historisch korrekte Person des Conrad von Vietinghoff vor sich. In wesentlichen Charakterzügen ist er sehr plausibel erfasst, dessen "Zögern, Unsicherheit und Skrupel" sie in "karger, fast abstrakter Sprache, zugleich behutsam und präzise" (M. Yourcenar) beschreibt. Die Figur ist zwar glaubwürdig und kommt Conrad in vielen Aspekten sehr nahe, Einiges ist aber ganz bewusst verändert oder bekommt sein literarisches Eigenleben. Es ist nicht leicht, Marguerite Yourcenars beliebtes Verwirrspiel von Dichtung und Wahrheit immer zu durchschauen, worauf sogar ihre Biografen gelegentlich hereinfallen und deshalb auf den tatsächlichen Conrad bezogen falsche Informationen verbreiten.
Von Beobachtungen und Überlieferungen innerhalb der Familie sowie den Zeugnissen aus dem Nachlass und von Zeitgenossen ausgehend ergibt sich ein Bild von Conrad, das in einigen Punkten nicht dem "Alexis" entspricht. Das muss es ja auch nicht! "Alexis" ist ein Roman und keine Biographie! Und was an "Fremdem" hinzukommt, sind naturgemäß Yourcenars eigene Aspekte. Als Schriftstellerin ist es ihr gutes Recht, sich einerseits bedeckt zu halten und andererseits sich selbst in ihre Figuren einzuweben. 
Nicht zu vergessen, dass "Alexis" 1927/28 entstand und ihr literarisches Debüt war: es war nicht der Zeitpunkt, sich mit einem Eklat zu outen. Marguerite de Crayencour bediente sich denn auch des Pseudonyms Yourcenar, bei dem sie nach dem Erfolg von "Alexis" blieb. Sie "versteckte" sich nicht nur hinter einer männlichen Hauptperson, sondern auch hinter einem veränderten Namen. Außerdem schrieb sie keine Betroffenheitsliteratur, sondern verstand es in ihren Werken, stets das Unverwechselbare ihrer Akteure mit übergeordneten Betrachtungen zu verbinden.

Berechtigte Zweifel an der historischen "Echtheit" Conrads sind angebracht, wenn "Alexis" eine suizidale Gefährdung andeutet oder sich zu banalen, anonymen Abenteuern gegen Bezahlung bekennt. Nach allem verfügbaren Wissen über die Person Conrad entspricht derartiges Verhalten der Romanfigur "Alexis" eher der Phantasie der Romanschreiberin, denn solche Wünsche und Episoden passen vielmehr in die Erlebniswelt von Marguerite Yourcenar selbst. Sie liebäugelte mit derartigen Abenteuern sogar noch in erheblich fortgeschrittenerem Alter als es dem von Conrad 1927 entsprach und als "Alexis" im Roman erscheint. Anlässlich eines Bummels durch das Rotlichtviertel Amsterdams notiert sie mit 80 Jahren: "Ich liebe zärtlich diese Frauen im Schaufenster. ... Ich sehe wieder das sprechende und naive Plakat mit den Liebesstellungen und die Schattenspiele, die Sex-Shops mit den riesigen Phallen. Eine junge Frau sagt...: 'Hätten die Herrschaften nicht Lust auf eine kleine Spezialität?'. Aber die Gruppe sucht ein Taxi, denn es fängt an zu regnen. ... Wäre ich mit J. ... allein gewesen, ich glaube, ich hätte die Spezialität probiert und sehen wollen, wohin sie führt. Zu viert war es unmöglich... Ich habe noch oft an diese Unbekannte gedacht, die dem Erstbesten ihr Süßestes anbot."

Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford

Und André Fraigneau bemerkte schon Jahrzehnte früher: "Sie liebte die Bars, den Alkohol, lange Gespräche. Sie versuchte unaufhörlich zu verführen." Was Conrad von Vietinghoff betrifft, so gibt es keinerlei Anzeichen für solche Neigungen.

Zudem wirken Sätze des "Alexis" wie z. B. "Ich bin aufrichtig überzeugt, niemals geliebt zu haben" auf Menschen, die Conrad v.Vietinghoff kannten, ebenso fremd wie der Gedanke "ich bin aber selber zu mittelmäßig, als dass ich auf eine Gegenliebe rechnen dürfte". Dass die Autorin nicht auf biografische Korrektheit abzielt und ihren eigenen Vorstellungen folgt, wird übrigens auch dadurch belegt, dass Conrad zwar seine baltische Heimat verloren hatte, doch da er sein Erbe noch vor den Russischen Revolutionen ausbezahlt bekam, litt er – zumindest in den Jahren der Entstehung des Romans – keinen materiellen Mangel. "Alexis" streicht dieses Thema jedoch hervor und steigert dabei seine Schuldgefühle gegenüber "Monika" eine plausible literarische Verstärkung seiner Probleme durch die Autorin.

Dennoch entsteht vor dem Leser eine sehr einfühlsam erzeugte Aura dieses so vorsichtigen, vornehmen, liebenswürdigen Conrad, so dass man auch nicht behaupten kann, alles sei aus der Luft gegriffen. Außerdem liegt der Wert ihrer Kunst nicht hauptsächlich in der Auswahl des Sujets oder der Beschreibung der Hauptfigur, sondern da Literatur – in der Art und Weise der Gestaltung mittels (französischer) Sprache. In diesem Punkt der Kunstauffassung sind sich Egon v.Vietinghoff und Marguerite Yourcenar einig und verwandt, nur dass der Maler – gemäß Vietinghoffs Philosophie "Visionäre Malerei" – sich eben ausschließlich über Farben mitteilen wollte.

"Der Fangschuss"
Den Kurzroman "Le Coup de Grâce" schrieb Marguerite Yourcenar 1938. Er wurde 1939 veröffentlich und erschien 1968 auch in deutscher Sprache. Er spielt im Baltikum kurz nach dem Ersten Weltkrieg, im Russichen Bürgerkrieg (1918-1920) zwischen den deutschen Freikorps und den Rotgardisten. 
Silhouette des Conrad v.Vietinghoff, rundplastisches Bildnis von Flora Steiger-Crawford Der Erzähler, der preußische Offizier Erich, quartiert sich mit seinen Männern in einem bereits von den Angriffen gezeichneten Schloss seines Jugendfreundes Konrad ein. Dessen Schwester Sophie verliebt sich in ihn, kann aber außer brüderlicher Freundschaft nichts erwarten, denn Erich hegt Gefühle für Konrad. Alle drei sind adlig und leben in einer von außen bedrohten Schicksalsgemeinschaft einer Gesellschaft, deren traditionsreiche Strukturen sich auflösen. Sophie versucht, sich mit oberflächlichen Affären abzulenken und Erich eifersüchtig zu machen. In dieser auch psychologisch ausweglosen Situation mit verwirrender Endstimmung, überdrüssig der Umstände, der ständigen Zurückweisungen und schließlich auch der Demütigungen durch Erich, verlässt sie das Schloss. Sie schließt sich einem Studenten an und wechselt die Front zu den Bolschewisten. Später wird ihr Häuflein von der Truppe Erichs umzingelt und gefangen genommen. Konrad ist bei einer früheren Aktion gefallen. Die Kämpfe haben ein Stadium erreicht, in dem keine Gefangenen mehr gemacht werden. Selbst für Sophie gibt es keine Ausnahme und ihr letzter Wunsch, den "Gnadenschuss" von Erich persönlich zu empfangen, wird ihr erfüllt.

Was Volker Schlöndorff in seiner Verfilmung "Der Fangschuss" (1976) daraus gemacht hat, ist ein anderes Kapitel und steht hier nicht zur Diskussion. Es sei jedoch erwähnt, dass Marguerite Yourcenar in einem Brief an Volker Schlöndorff ihre Unzufriedenheit mit dem Film äußert und die Auffassung der einzelnen Charaktere kritisiert. Darsteller waren Margarethe von Trotta, Mathias Habich, Rüdiger Kirschstein, Valeska Gert und Mathieu Carrière. Für die beste Regie und beste Kamera bekam der Streifen den höchst dotierten Kulturpreis in Deutschland verliehen, das "Filmband in Gold". 

Die sicher nicht zufällige Namensgleichheit von "Konrad" und "Conrad" scheint eine Porträtähnlichkeit nahezulegen, der nicht existierende Adelsname "von Reval" zeigt jedoch die Distanz zur Realität. An einigen wenigen Stellen blitzt der wahre Conrad auf, der Vater des Malers Egon von Vietinghoff, während bei anderen Charakterzügen und Verhaltensweisen der Romanfigur entweder andere Menschen Pate gestanden haben müssen oder eigenes Erleben sich mit künstlerischer Freiheit mischte. So hat Sophie nichts mit Jeanne de Vietinghoff, jedoch viel mit Marguerite Yourcenar selbst zu tun und Erich steht für einen ihrer Geliebten. Sie transponiert das Geschehen in Conrads Heimat und nennt die dritte Figur Konrad.

Die aristokratische Kulisse im Baltikum, der russische Bürgerkrieg bald nach der Oktober-Revolution, die unglückliche Liebe einer Frau zu einem bi- oder homosexuellen Mann und die etwas vagen Vorstellungen Yourcenars über Conrad v.Vietinghoff und seine Familie geben den Rohstoff ab, aus dem die Schriftstellerin ihre eigenen Gestalten und eigene Geschichte formt. Um sich auf diese kreative Weise ihrer selbst bewusst zu werden, braucht sie sich nicht an die tatsächlichen Personen zu halten.  
Da zwischen Erich und Sophie keine erotische Beziehung zustande kommt, zudem Erichs Zuneigung zu Konrad nur sehr dezent angedeutet ist und es unklar bleibt, ob Konrad Erichs Gefühle teilt, wird der Begriff "Dreiecksverhältnis" hier etwas strapaziert. Die Verbundenheit beider Männer hat genau diese idealistische Komponente wie sie der Welt Conrad v.Vietinghoffs entsprach und es ist als ob die Scheu der Autorin sie davon abhielt, diese feinen Gefühle analytisch zu zerlegen. Die knappen Hinweise darauf, die man beinahe überliest, treten hinter dem Thema der unerfüllten Liebe Sophies weit zurück, dem Hauptthema, das mit sehr viel deutlicheren Worten den meisten Raum einnimmt. Insofern könnte man hier eine Parallele zur Ehe Jeannes sehen. Die Verwandtschaft der Romanfiguren zu den historischen Vietinghoffs entsteht allerdings nicht auf der biografischen Ebene, sondern im schwebenden Gleichgewicht zwischen subtil Reflektiertem und Unausgesprochenem sowie in der abstrakten Essenz menschlicher Tragik. Yourcenars beliebte Strategie der Verwirrung hat Methode, wenn sie im Nachwort zum Roman behauptet: "Das Buch geht von einer tatsächlichen Begebenheit aus, und die drei Gestalten, ..., sind im wesentlichen die gleichen, wie sie mir ein sehr guter Freund der Hauptperson beschrieben hat." Sie suggeriert den Wahrheitsgehalt dieses Satzes und des ganzen Romans dadurch, dass er neben differenzierten Analysen und nüchternen Kommentaren steht, die psychologisch klug, beinahe wissenschaftlich sind. Weiter sagt sie: "Dieser Mann und diese Frau, die ich nur aus einer kurzen Zusammenfassung ihrer Geschichte kannte, ...". Mit dem sehr guten Freund könnte sogar ihr eigener Vater gemeint sein, mit dem sie besonders vertraut war und der ihr (wie viel?) von Conrad und Jeanne erzählte. 
 
Richtigstellungen
Folgende Bemerkungen sind aus persönlichen Gesprächen und Dokumenten gesicherte Kenntnisse. Sie beziehen sich sowohl auf Unterschiede der realen Person Conrad v.Vietinghoffs zu den von Marguerite Yourcenar entworfenen literarischen Figuren in ihren Romanen und auf Erinnerungen in ihren teils autobiografischen letzten Werken, als auch auf Behauptungen, Annahmen, Vermutungen, Hypothesen und Schlussfolgerungen ihrer Biografen und Biografinnen, seien es eigene oder auch nur von anderen abgeschriebene.
Wir bitten alle bisherigen und zukünftigen Autoren und Übersetzer, die entsprechenden fehlerhaften Angaben und Behauptungen in den Biographien und wissenschaftlichen Abhandlungen zu korrigieren bzw. als von der Realität abweichende literarische Varianten im Sinne der künstlerischen Freiheit von Marguerite Yourcenar zu kennzeichnen.
Conrad ...
  • ... war der jüngste von 4 Söhnen: der erste erbte den Besitz Neschwitz in Sachsen, der zweite das Elternhaus Salisburg, der dritte heiratete eine geborene und nach zweiter Ehe verwitwete Vietinghoff (sie hieß also dreimal Vietinghoff!). Conrad selbst bekam sein Erbe noch vor dem Verlust der Heimat infolge der russischen Revolutionen ausgezahlt, so dass er bis in die 1930er Jahre keine materiellen Sorgen hatte. Das Klischee vom verarmten Adel passt erst für die Zeit danach, nicht aber für jene Zeit als der Roman "Alexis" entstand.
  • ... wurde auf Schloss Salisburg geboren: seine Heimat war nicht Böhmen, nicht Mähren und auch nicht Kurland, sondern die historische Region Livland, ehemals Herrschaftsbereich des Deutschen Ritterordens und seit Peter d. Gr. Provinz des russischen Zarenreichs. Benannt nach den Ureinwohnern, den finnischen Liven, die dort heute noch eine ethnische Minderheit darstellen. Bei der ersten eigenen Staatengründung wurde Livland geteilt: der Norden kam zu Estland, der Süden zu Lettland. Damit verschwand der Name Livland 1918/19 von der Landkarte.
  • ... studierte in Dorpat (Tartu) nicht Jura, sondern Landwirtschaft und Ökonomie.
  • ... hat sicherlich nach 1906 seine baltische Heimat nicht mehr wiedergesehen. Er besuchte dort seine Eltern während seines Studiums in Leipzig und Berlin, später zur Verlobung mit Jeanne und nach der Geburt seiner Söhne, um sie seinen Eltern vorzustellen. Vielleicht war er danach noch einmal alleine dort. Seine Brüder pflegten den Kontakt zum Vater, der 1918 in Riga starb; mindestens zwei Neffen von Conrad besuchten später das leere Schloss und das Grab seines Vaters, ihres Großvaters. Seine Mutter lebte dann bis zu ihrem Tode 1923 vorwiegend bei seinem ältesten Bruder auf Neschwitz in Sachsen, wo er sie mehrmals besuchte.
  • ...hat – im Gegensatz zu einigen seiner Verwandten – nach der Oktober-Revolution nicht am antibolschewistischen Kampf in seiner Heimat teilgenommen; er verbrachte den Ersten Weltkrieg zuerst in Genf und zog 1917 nach Zürich.
  • ... war Pianist und kein Komponist: er hat niemals etwas komponiert.
  • ... war kein Klavierlehrer im eigentlichen Sinne, auch wenn er einigen Menschen hie und da Privatunterricht gab.
  • ... war gegenüber zeitgenössischer Musik insofern offen als er besonders gerne Max Reger und andere Spätromantiker wie Alexander Skrjabin, Sergei Rachmaninow oder Richard Strauss spielte er war jedoch kein Avantgardist und schon gar kein Freund atonaler Musik.
  • ... hatte nichts mit dem von Marguerite Yourcenar erwähnten "Skandal von Rom" zu tun, der vermutlich eine rein literarische Erfindung ist.
  • ... hatte keine breite Anerkennung und trat nachweislich nur zweimal öffentlich in Wohltätigkeitskonzerten auf: a) am 28. 4. 1910 zusammen mit einem Sänger in Wiesbaden und b) am 27. 4. 1923 zusammen mit einem Cellisten in Fribourg. 
  • ... machte nicht deshalb keine Karriere, weil er Misserfolge hatte, sondern weil er zu sensibel und gehemmt war, um vor einem anonymen Publikum zu spielen. Abgesehen von ein paar Hauskonzerten für Freunde und Bekannte während seiner Jahre in Wiesbaden spielte er meist nur für sich und selten für einige Freunde in sehr kleinem Kreis. Er war viel zu schüchtern und introvertiert für große solistische Auftritte.
  • ... und Jeanne haben möglicherweise während ein oder zwei Jahren jeweils ein paar Monate nicht zusammen gelebt; es gab jedoch niemals eine wirkliche Trennung. Auch gab es weder in den familieninternen Erzählungen noch in den Nachlässen von Jeanne, Conrad oder Egon von Vietinghoff irgend einen Hinweis für einen Abschiedsbrief. Das Ende ihres Lebens verbrachte Jeanne krankheitsbedingt in einer Klinik am Genfer See, während Conrad im gemeinsamen Haus in Zürich blieb, da er ihr nicht helfen konnte.

PDF-Download zur Thematik "Vietinghoff und Yourcenar"

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